Statements

Im Gespräch: Einfach komplex! Gesellschaftliches Miteinander in komplexen Zeiten. 

Die gestiegene Komplexität unserer Welt löst bei vielen Menschen das Gefühl aus, überfordert zu sein. Wie reagieren wir auf das Bedürfnis nach Reduktion und einfachen Antworten? Es diskutierten Alexander Ahrens, Ulrike Sommer und Wilfried Schulz. 

"Es reicht nicht Komplexität zu problematisieren. Viel wichtiger ist es, sich auf alltägliche Probleme zu konzentrieren. Ein entscheidender Faktor ist, dass Politiker ansprechbar sind. Aber auch Politiker müssen die Menschen ansprechen. Kommunikation kann hier ganz einfach sein. Im direkten Gespräch müssen wir uns als Person präsentieren. Wir müssen unsere Standpunkte erklären, aber auch  Differenzen aushalten. Es reicht zum Beispiel nicht Menschen mit rechter Gesinnung moralisch zu verurteilen. Wichtig ist mit ihnen über gesellschaftliche Zusammenhänge zu sprechen und Konsequenzen aufzuzeigen."

Alexander Ahrens, Oberbürgermeister der Stadt Bautzen

„Wir brauchen Räume der Kommunikation, in denen wir uns zuhören und auf Augenhöhe kommunizieren, anstatt über zu große Komplexität zu lamentieren. Als in Dresden die Pegidademonstrationen stattfanden, duckten die liberalen Bürger und die Politik sich weg. Mit Gegendemos, Konzerten vor der Frauenkirche und einem Flüchtlingscafé haben wir deutlich gemacht: Nicht ihr, sondern wir sind das Volk – und haben so der überregionalen Presse gezeigt: Es gibt eine liberale Mehrheit in der Stadt. Wir haben außerdem alle Dresdner zu einer Bürgerbühne im Staatsschauspiel eingeladen. Teilgenommen haben auch Menschen, die zu Pegidademonstrationen gegangen sind. Man muss Differenzen und andere Meinungen aushalten – so wie man im Theater merkwürdige, fremde, suchende, sogar scheiternde Inszenierungen aushalten muss.“

Wilfried Schulz, Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses

Eine Einordnung: Komplexe Zusammenhänge in der Politik

 

Werkstattgespräch: Wie kommunizieren wir komplexe Themen verständlich?

Die Möglichkeiten, sich differenziert zu informieren, sind größer denn je. Dennoch fühlen sich immer mehr Menschen einseitig informiert. Viele misstrauen den Aussagen von Politik und Medien. Wie wir komplexe Themen verständlich kommunizieren können diskutierten: Isabel Schayani, Stefan Niggemeier und Markus Peichl.

„Unsere Themen, die Zusammenhänge sind heute komplexer geworden. Politiker können es sich vielleicht erlauben, sich hinter Wortwolken zu verstecken. Aber wir nicht. Ich fände es ein lohnenswertes Ziel, zu versuchen, uns mit unseren Angeboten zu einer Plattform zum Meinungsaustausch zu entwickeln. Vor allem bei WDRforyou machen wir das so. Themen kommen oft von Usern, Journalismus 2.0. Momentan sind wir ganz klar in einem Lernprozess, für den es keinen Masterplan gibt. Den Dialog auf den neuen Plattformen ernst zu nehmen ist richtig viel Arbeit. Wir müssen einerseits auf Kommentare der User reagieren und dabei entscheiden, welche Antworten ein Erkenntnisgewinn für andere sind und wo wir nicht reagieren oder eben auch löschen. Mit der Tagesschau-Aktion „Sag’s mir ins Gesicht“ haben wir aktiv Position gegen Hass im Netz und für eine bessere Diskussionskultur bezogen. Wir müssen von den Usern auch einfordern, sachlich, konstruktiv und respektvoll mit uns zu kommunizieren. Keine Ahnung, wo das genau hinführt, aber es ist sehr spannend.“

Isabel Schayani, Journalistin WDR

 

Praxisgespräche

Runde 1: Wie gewinnen wir (verlorenes) Vertrauen (zurück)?

„Es gibt Kritik an den Medien, die ich teile. Etwa beim Umgang der Medien mit Christian Wulff finde ich, dass die Kritiker recht haben. Das heißt aber nicht, dass ich die politischen Positionen der Menschen teile. Aber es ist ein guter Ansatzpunkt um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Leute sind dann ganz überrascht, wenn ich ihnen erst einmal recht gebe und dann erkläre, warum ich die pauschalen Verurteilungen trotzdem für falsch halte. Manchmal ist das nervenzehrend, aber es lohnt sich immer. Heute vertrauen uns viele Leserinnen und Leser wieder mehr. Sie kennen uns persönlich und einige ergreifen sogar für uns Partei und verteidigen uns in der öffentlichen Diskussion.“

Michael Würz, Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier

"Gerade für Ministerien wie das Bundesministerium des Inneren ist es wichtig, auf das Publikum in den sozialen Medien zu reagieren. Wenn wir uns zu einem Sachverhalt nicht verhalten, könnte der Eindruck entstehen, wir geben den Kommentatoren recht. Deshalb bemühen wir uns, auf alle Kommentare einzugehen. Natürlich erreichen wir damit nicht alle, die kommentieren und fragen. Nicht mit allen Usern kommt man auf einen grünen Zweig, viele erreicht man gar nicht. Aber unsere Kommunikation richtet sich auch gar nicht ausschließlich an den Einzelnen oder die Einzelne. Wir kommunizieren immer auch für die Vielen, die mitlesen und sich selbst gar nicht zu einem Thema äußern."

Christiane Germann, Social-Media- und Community-Managerin im Bundesministerium des Innern

 

Runde 2: Wie erreichen wir digitalaffine Menschen mit komplexen Themen?

„Mitte der 1990er Jahre haben die Netzpiloten als Start-up angefangen. Wir haben uns den Geist dieser Start-up-Kultur beibehalten und interessieren uns immer noch für neue Entwicklungen und Technologien. Diese Neugierde bedeutet aber nicht, dass wir jeden Trend mitmachen. Unsere Sozialisierung liegt ganz klar bei den textorientierten Machern. Wir fühlen uns der Kulturtechnik „Texte“ verbunden. Unsere Leserinnen und Leser sind ein sehr interessiertes Publikum – fast schon ein Fachpublikum – und die wissen das zu schätzen. Wir sind sicher, dass der Text nicht verschwindet.“

Wolfgang Macht, Gründer und Vorstand der Netzpiloten

„Ich höre oft die Fragen: Bricht ein 3. Weltkrieg aus? Stirbt die EU? Solche Fragen versuche ich, in etwa 10 Minuten ausführlich zu beantworten. Hintergrund geht bei mir vor Schnelligkeit. Wir dürfen das Feld nicht denen überlassen, die Menschen manipulieren und beeinflussen möchten. Mein Ziel ist, junge Menschen anzuregen und mit Ihnen zu diskutieren. Denn es gibt nur wenige Angebote für die Altersgruppe zwischen logo! und Tagessschau. Es ist wichtig, bei Youtube selbst aktiv zu sein, auf Kommentare und Mails zu reagieren. Ich antworte manchmal auch nachts noch auf einen Kommentar, schaffe es aber leider längst nicht mehr, alle Fragen zu beantworten.“

Mirko Drotschmann, Journalist und Produzent


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