„News über Pandabären im Berliner Zoo tun auch mal gut.“

Warum wir in der Krise positive Nachrichten brauchen – ein Gespräch über Themen, die aktuell zu kurz kommen, und die Verantwortung der öffentlich-rechtlichen Medien.

Aline Abboud, ZDF
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Aline Abboud, ZDF

Aline Abboud ist Redakteurin und Moderatorin für das crossmediale Nachrichtenformat heute Xpress und Reporterin beim „auslandsjournal“. Im funk-Format „DIE DA OBEN!“ macht sie gemeinsam mit Kollege Jan Schipmann zeitgemäßen Politikjournalismus für die Zielgruppe unter 30.

Seit vielen Wochen bestimmt Corona unser Leben. Wie geht es dir persönlich in der Krise?

Es ist zwar alles sehr monothematisch in den letzten Wochen, ich finde aber, es ist eine interessante, auch verrückte Zeit. Ich kann das aus meiner privilegierten Position heraus sagen. Die entschleunigte Welt tat mir gut. Ich kann mich aber auch nicht beschweren, weil ich meinen Job trotzdem machen durfte und keine Angst haben musste, meine Miete nicht zahlen zu können.

In der Corona-Krise erhalten die öffentlich-rechtlichen Medien wieder größeren Zuspruch. Wie macht sich das im ZDF bemerkbar?

Wir haben momentan sehr gute Quoten – was natürlich schön ist. Es geht uns aber vor allem auch darum, die Menschen zu informieren, ihnen Fakten und Nachrichten zu bieten. Das ist immer unser Anspruch. Der Bedarf an Informationen ist momentan sehr hoch. Viele Videos oder Zitate von uns Öffentlich-Rechtlichen werden aktuell in den sozialen Medien geteilt, verbreitet und kommentiert, positiv wie negativ. So viel Traffic zeigt, dass unser Content scheinbar gut ist.

In der aktuellen Krise braut sich eine neue Querfront aus Verschwörungstheoretikern verschiedener Milieus und politischer Lager zusammen. Abgesehen davon, dass es grundsätzlich viel Hate Speech gibt – bemerkst Du auch in den sozialen Medien, dass die Diskussion verstärkt abdriftet?

Man merkt das auf allen Ebenen, natürlich auch an unseren Zuschauerreaktionen. Die Gesellschaft spaltet sich, das finde ich sehr problematisch. Krisen können das Gute oder das Schlechte im Menschen hervorbringen. Die Beschränkungen der Grundrechte und der Freiheit greifen den Menschen als solchen in seinem Inneren an. Andererseits haben die Einschränkungen berechtigte Gründe. Ich erlebe aber auch in meinem Umfeld Leute, die zum Beispiel Probleme damit haben, nicht in den Urlaub fahren zu können. Da sage ich denen schon mal: Wir haben in Deutschland den besten Pass der Welt. Jetzt merkst Du, wie es ist, wenn man nicht in so einem privilegierten Land lebt, wo man sich frei bewegen oder einfach mal in Richtung Süden fahren kann. Vielleicht ist es für den ein oder anderen ganz gut zu spüren, wie frei wir eigentlich sind. Ich hoffe, dass wir mit einer Demut und Dankbarkeit aus der Krise gehen.

Seit vielen Wochen geht es nur noch um Corona. Andere Themen dringen kaum mehr durch. Nervt dich das nicht manchmal?

Andere Themen haben noch viel länger genervt. Es gibt immer Themen, wo man sagt, jetzt ist auch mal gut. Die letzten Jahre haben wir zum Beispiel immer über den Brexit geschimpft. Die anderen Probleme auf dieser Welt müssen wir in unserer Berichterstattung aber auch abdecken, und das bekommen wir auch gut hin, obwohl wir, wie in meiner Sendung heuteXpress, nur begrenzte Zeit haben.

„Man kann es nicht oft genug sagen: In Krisenzeiten gibt es Leute, die die Dinge am Laufen halten. Vor allem Frauen leisten eine Menge.“

Kommen Dir bestimmte Themen aktuell zu kurz, und was würdest Du gerne auch medial wieder stärker in den Fokus stellen?

Das sind viele. Der Krieg im Jemen geht ja auch noch weiter. Über den berichten wir zu wenig, weil es zu wenig Informationen gibt, zu wenig Bilder. Deswegen ist dieser Krieg auch für die Menschen nicht so präsent. Und man kann es nicht oft genug sagen: In Krisenzeiten gibt es Leute, die die Dinge am Laufen halten. Vor allem Frauen leisten eine Menge. Ich wünsche mir, dass auch politisch etwas passiert – nicht nur im Bereich Gleichberechtigung, sondern auch in den Bereichen Pflege und Gesundheit. Überall, wo wir jetzt merken, da hapert es. Wie systemrelevant Berufe sind, sehen wir gerade in dieser Zeit. Das hätte ich am liebsten jeden Tag in den Medien

Die Medien berichten viel über die Demos gegen die Corona-Beschränkungen. Widmen die Medien diesen Hygienedemonstrant:innen zu viel Aufmerksamkeit?

Das ist ein schwieriges Thema. Berichten wir über rechte Menschen oder über bestimmte politische Strömungen? Springen wir Medien jetzt über dieses Stöckchen oder nicht? Die Balance zu finden ist nicht immer leicht. Diese Diskussion gibt es in den Redaktionskonferenzen jeden Tag aufs Neue. Dort führen wir ständig einen Diskurs, wie viel wir berichten und wie viel Raum wir bestimmten Menschen geben, ob Verschwörungstheoretiker:innen oder Rechte. Denn wir leben eben in einer Demokratie. Wir müssen in den Nachrichten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk alle Meinungen und Strömungen gleichberechtigt abbilden und neutral berichten, egal ob wir die Meinung gut oder schlecht finden. Es gibt natürlich auch Meinungen, die grenzwertig sind, keine Frage.

Auf der Internetkonferenz re:publica beschäftigte sich auch ZDF-Anchormann Claus Kleber einmal mit der Frage, ob klassische Medien über jedes Stöckchen springen sollen, das ihnen hingehalten wird, oder sie mit dem Bericht über Fake News oder deren Widerlegung nicht dazu beitragen, dass diese News trotzdem in der Welt sind und hängen bleiben.

Wir haben einen amerikanischen Präsidenten, der ständig twittert, Dinge herausposaunt und auch krude Sachen verbreitet. Aber er ist der amerikanische Präsident. Wir müssen berichten und das Thema einordnen, aber auch nicht jeden Tweet aufgreifen. Wir können zumindest die Hoffnung haben: Wenn wir darüber berichten, reflektieren Menschen das und hinterfragen es. Was ich persönlich mehr befürworte ist, positive Agenturmeldungen zu verbreiten. Zum Beispiel, wie viele Geflüchtete inzwischen einen Job gefunden haben – Good News, die ein positives Bild von der Gesellschaft zeigen und oft zu kurz kommen, Themen, über die andere soviel Hass schüren. Wir könnten dem Hass so viele positive Zahlen entgegenstellen. News über Pandabären im Berliner Zoo – das klingt jetzt so einfach, tun aber auch mal gut. Wir Medien haben Einfluss und eine Verantwortung. Die Menschen sollen sich auch gut fühlen in dem Land, in dem sie leben, und nicht denken, alles ist Hass, alle sind schlecht.

Wie hat sich Dein Arbeitsalltag durch Corona verändert?

Ich sehe so gut wie keine Kolleg:innen mehr, wenn ich im Studio bin. Das hat den Vorteil, dass man in Ruhe seine Meldungen schreiben kann, aber den Nachteil, dass man Niemanden trifft, sich nicht austauschen kann. Kommunizieren geht nur über Telefon, E-Mail und Chat. Eine Herausforderung ist, dass wir uns selber schminken müssen. Eine verrückte Zeit, aber wir wissen, das ist nur eine Phase.

Es ist zwar nur eine Phase, aber Corona wird uns noch lange beschäftigen – vielleicht bis Mitte nächsten Jahres. Was, glaubst Du, wird sich nachhaltig verändern in der Arbeit, auch der Öffentlich-Rechtlichen?

Auf jeden Fall denke und hoffe ich, dass generell in der Arbeitswelt mehr über Home Office nachgedacht wird, weil das in vielen Bereichen eine gute Möglichkeit ist, trotzdem zu arbeiten und seinen Alltag auf die Reihe zu bekommen. Für alle, die das wollen und können. Meetings auch mal über Plattformen zu machen, anstatt ständig teilweise unnötig hin und her zu fliegen. Auch der Umweltaspekt spielt eine Rolle.

„Umweltschutz dauert 20 Jahre? Alles Blödsinn. Diese Krise hat uns gezeigt: Es geht, und es geht schnell. Wir müssen einfach nur machen und nach vorne denken.“ 

Wenn Du einen Wunsch frei hättest für die Zeit nach Corona – was sollten wir aus der Krise beibehalten?

Wir sollten alle ein wenig langsamer leben, ein wenig entschleunigter. Selbst die Leute aus meinem Umfeld, denen es gerade so richtig mies geht, die keine Jobs haben, sagen trotzdem: Diese entschleunigte Welt hat ihnen in anderen Bereichen gut getan. Ich hoffe, dass es nicht mehr so weitergeht wie zuvor. Ich hoffe, dass Dankbarkeit und Demut anhalten. Wir in Deutschland können uns glücklich schätzen, hier zu leben und ein gutes Gesundheitssystem zu haben. Aber diese Zeit war auch ein Denkzettel, um daraus zu lernen, zum Beispiel in puncto Klimaschutz. Hier in Berlin wurden in den letzten Wochen viele Fahrradwege bewilligt, plötzlich, innerhalb von zwei Wochen, weil die Leute mehr Fahrrad fahren. Man merkt, so eine Krise erfordert schnelle Maßnahmen, und man kann vieles davon ganz schnell umsetzen, ob Home Office oder Home Schooling. Umweltschutz dauert 20 Jahre? Alles Blödsinn. Diese Krise hat uns gezeigt: Es geht, und es geht schnell. Wir müssen einfach nur machen und nach vorne denken.

 

Von Silke Stamp, 15. Juni 2020

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