Social Summit 2015

Auf ins Neue! Veränderung wagen. Wandel gestalten.

Viel Raum für Inspiration, Austausch und Diskussion bot der zweitätige SocialSummit 2015 im Berliner Spreespeicher. Rund 80 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gingen der Frage nach, wie sich gesellschaftlicher Wandel aktiv und nachhaltig gestalten lässt und ließen sich dabei inspirieren von spannenden Diskussionen, Vorträgen und Praxisbeispielen.

Im Gespräch

Neue Kulturen in der Unternehmens-, Arbeits- und Alltagswelt. Steht ein Paradigmenwechsel bevor?

Social Summit

„Unser Land wandelt sich immer stärker hin zu einer pluralen und multikulturellen Gesellschaft. Eine moderne Integrationspolitik muss dabei Chancengleichheit für alle gewährleisten. So werden wir auch für Zuwanderer attraktiver, die wir aufgrund des demografischen Wandels dringend benötigen. Auch der Umgang mit Flüchtlingen befindet sich im Wandel: Endlich stehen diese Menschen auch mit ihrem Know-how und ihrer Erfahrung, die sie mitbringen, im Fokus. Wir setzen uns heute stärker dafür ein, dass Flüchtlinge deutsch lernen, eine Ausbildung machen oder in ihrem gelernten Beruf arbeiten können. Beachtenswert finde ich auch das große ehrenamtliche Engagement, dass von Bürgerinnen und Bürgern geleistet wird, um Flüchtlinge willkommen zu heißen. Das zeigt mir, dass viele Menschen der Veränderung positiv gegenüberstehen und diese auch aktiv gestalten möchten.“

Staatsministerin Aydan Özoğuz
Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration
Social Summit

„Grundsätzlich kann man die Situation so beschreiben: 40 Prozent der Menschen sind für Veränderungen offen, 30 Prozenten gehören zur Gruppe der ‘Verhinderer‘, weitere 20 Prozent bewerten Veränderung positiv. Oft gewinnen jedoch die ‘Verhinderer‘ die Hoheit in Diskussionen. Das verlangsamt Innovationen. Dabei steht die große Mehrheit der Gesellschaft Veränderungsprozessen eigentlich positiv gegenüber. Hier müssen also die Überzeugungstäter ins Spiel kommen und ihre Überzeugungsarbeit sprichwörtlich leisten. Die meisten Veränderungsprozesse gehen zunächst von kleinen Einheiten solcher Innovatoren aus, die den Mut haben, sich Spielraum und Freiheiten zu nehmen. Von diesen Erfolgsinseln aus ragen die Innovationen dann in das Ganze hinein.“

Thomas Ramge
Technologie-Korrespondent des Wirtschaftsmagazins brand eins

Talkrunde

Neue Wege, neue Ansätze, neue Freiräume – Wie können wir Wandel nachhaltig gestalten?

„Wandel ist nicht aufhaltbar, der Weg der Entwicklung ist aber gestaltbar“, diesen Ansatz formulierte Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, im Rahmen der Podiumsdiskussion zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages. Markus Hipp, Geschäftsführender Vorstand BMW Stiftung Herbert Quandt, und Dr. Juliane Kronen, Vorstandsmitglied der Right Livelihood Award Foundation und Gründerin der innatura GmbH, waren ebenfalls Gäste der Talkrunde.

Social Summit

„Unsere Arbeitswelt befindet sich in einem rasanten Wandel: Sie wird zunehmend vielfältiger, vernetzter, flexibler. Die neuen Anforderungen entstehen durch neue Kommunikationsformen, Kundenwünsche, aber auch durch den Wertewandel auf Seiten der Arbeitnehmerschaft. Dabei ist auch Flexibilität ein wichtiges Thema, aber kein konfliktfreies. Wir dürfen die Risiken flexibler Arbeitsbedingungen nicht übersehen. Ständige Erreichbarkeit kann auch zu Überforderung führen. Diesen Bereich zu gestalten ist eine große Herausforderung – für die Politik, aber auch für Führungskräfte in Unternehmen und Organisationen. Mit dem Dialogprozess Arbeiten 4.0 haben wir den Diskurs zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft gestartet. Unser Ansatz ist: Wandel ist nicht aufhaltbar, der Weg der Entwicklung ist aber gestaltbar. An diese Herausforderung dürfen wir nicht ängstlich herangehen, sondern müssen die Chancen des Wandels nutzen und mutig voranschreiten. Dabei müssen wir diejenigen mitnehmen, die der Wandel direkt betrifft. Deshalb setzen wir beim Dialogprozess auf verschiedene Wege: auf einen öffentlichen Dialog, auf einen fachlichen Austausch, auf soziale Medien und auf Veranstaltungen. Nur wenn wir möglichst viele Menschen mitnehmen, kommen wir zu Ergebnissen, die tragfähig und nachhaltig sind.“

Thorben Albrecht
Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Social Summit

„Menschen aus verschiedenen Welten – wie Unternehmen, Politik und Verwaltung oder gemeinnützigen Organisationen – denken jeweils anders und gehen soziale Herausforderungen unterschiedlich an. Wir brauchen mehr Vermittler, die diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander verbinden und sektorübergreifende Lösungen für Probleme finden. Wir gestalten Wandel nur, wenn wir uns über den vorhandenen Rahmen hinaus bewegen, unsere Kernkompetenzen auch in anderen Kontexten einbringen und bewusst auch mal ein Risiko eingehen. Nur so können wir Neues generieren.
Purpose ist the new money: Insbesondere junge Leute wollen nicht mehr in Unternehmen arbeiten, die allein gute Produkte produzieren. Vielmehr möchten sie ihre Kompetenzen in Unternehmen einbringen, die einen Sinn stiften, einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. So löst sich die Trennung zwischen unternehmerischer und sozialer Welt ein Stück weit auf. Und das ist gut so. Denn letztlich braucht jedes soziale Vorhaben, das nachhaltig einen Wandel generieren will, auch eine unternehmerische Basis. Nur so kann verhindert werden, dass ein Projekt nach einer 3-, 5- oder 7-jährigen Förderzeit verkümmert. Es gilt eine Brücke zwischen Unternehmertum und sozialem Handeln zu schlagen. Das erfordert einen Haltungswandel – in allen Sektoren.“

Markus Hipp
geschäftsführender Vorstand der BMW Stiftung Herbert Quandt
Social Summit

„Ein Anruf hat mich dazu bewegt, ganz neue Wege zu beschreiten: Ein Unternehmen wollte 200.000 Flaschen Shampoo spenden, die falsch etikettiert und für den Markt nicht mehr brauchbar waren. Ich fand es einen guten Ansatz, neuwertige Produkte nicht in die Müllverbrennung zu geben, sondern sozialen Organisationen zur Verfügung zu stellen. Doch eine sinnvolle Idee ist nicht immer einfach umzusetzen. Das habe ich schnell erfahren müssen. Denn es fehlte an den Rahmenbedingungen und Schnittstellen, um Spender und Organisation zusammenzubringen. Daran wollte ich etwas ändern. Mit innatura habe ich ein soziales Unternehmen gegründet, das diese Rahmenbedingungen bietet – und zwar nachhaltig und verlässlich. Es war also ein ganz praktischer Ansatz, den wir lösungsorientiert umgesetzt haben. Eine Herangehensweise, zu der mich auch die Preisträger des Alternativen Nobelpreises inspiriert haben. Von ihnen habe ich lernen dürfen, dass man mit ganz praktischen Lösungen die Spielregeln ändern kann. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass es hierzulande eigentlich nicht besonders mutig ist, einen Wandel anzustoßen. Natürlich geht man vielleicht ein gewisses Risiko des persönlichen Scheiterns ein, aber es drohen einem weder Gefängnis noch Folter. Und das sind Risiken, die viele unserer Preisträger wissentlich und jeden Tag aufs Neue eingehen.“

Dr. Juliane Kronen
Vorstandsmitglied Right Livelihood Award Foundation und Gründerin der innatura GmbH

Wandel in der Arbeitswelt

Arbeiten ohne Chef

Social Summit

„Schon bei der Gründung von it-agile stand fest, dass bei uns nicht willkürlich Entscheidungen gefällt werden sollen, sondern jeder sich einbringen kann. Partizipation, Selbstorganisation und Gerechtigkeit sind wichtige Bestandteile unserer Firmenidee. Aber wir möchten auch intern praktizieren, was wir predigen. Und das bedeutet eine umfassende Selbstorganisation, schneller Umgang mit Veränderungen und eine ausgeprägte Feedbackkultur. Um neue Lösungen zu finden, nutzen wir ‚Safe-to-Fail-Experimente’. Wir gehen in diesem Prozess bewusst in vielen kleinen Schritten und sehr systematisch vor, werten aus und entscheiden dann gemeinsam, wie es weitergeht. Obwohl unsere Prozesse auch mal langwieriger erscheinen, es lohnt sich!“

Henning Wolf
Geschäftsführer it-agile GmbH
Social Summit

„Wir werden immer wieder gefragt, wie wir überhaupt zu Entscheidungen kommen – so ganz ohne Chef? Seit unserer Gründung haben wir mehrere Modelle getestet und wieder verworfen. Mit dem konsultativen Einzelentscheid haben wir das für uns beste Entscheidungsmodell gefunden. Wir bestimmen also eine Person, die entscheidet. Einzige und wichtigste Bedingung: Die ausgewählte Person konsultiert alle in der Firma, hört sich die unterschiedlichen Meinungen an und trifft auf dieser Basis ihre Entscheidung. Es braucht sicher etwas Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu fällen. Aber meine Erfahrung ist, dass konsultative Einzelentscheidungen wirkungsvoll sind und am Ende von allen Beteiligten mitgetragen werden."

Sandra Reupke-Sieroux
it-agile GmbH

Wandel in der Gesellschaft

Jungen Menschen Gehör verschaffen

Social Summit

„Die Frage, ob wir in Deutschland in einem durch Einwanderung geprägten Land leben oder nicht, finde ich absolut anachronistisch. Diese Diskussion wurde längst von der Realität eingeholt. Denn wie sonst lässt sich eine Gesellschaft beschreiben, in der jeder Fünfte einen Migrationshintergrund hat? Unsere Gesellschaft hat sich bereits ideell und identitär stark verändert, auch wenn manche davor noch die Augen verschließen. Besonders für junge Menschen ist es Normalität, in einer pluralen Gesellschaft zu leben. Mit der Jungen Islam Konferenz wollte ich meiner Generation eine Plattform schaffen, diesen stattfindenden Wandel aktiv mitzugestalten. Und ihr natürlich auch eine Stimme im laufenden Diskurs verschaffen, der ja meist eher von Älteren bestimmt wird. Was bedeutet Deutschsein, wie gehen wir mit den bestehenden Islambildern um? Das sind nur einige der Fragen, die uns beschäftigen. Unsere Großelterngeneration hatte noch das Ziel, möglichst wenig aufzufallen. Wir sind aber bereits integraler Teil der deutschen Gesellschaft und da ist es nur logisch, dass wir diese auch mitgestalten wollen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns einem deutschen Selbstbild annähern, wie es in Kanada schon existiert: Unity within diversity.“

Esra Küçük
Gründerin und Leiterin der Jungen Islam Konferenz (JIK)

Wandel im öffentlichen Raum

Die essbare Stadt

Social Summit

„Ist das ein Aprilscherz? Das war nur eine der vielen skeptischen Reaktionen auf unser erklärtes Ziel, die Stadt Andernach in eine essbare Stadt zu verwandeln. Was nichts anderes hieß, als die öffentlichen Grünflächen nicht wie gehabt mit bunten Staudengewächsen, sondern mit Obst und Gemüse zu bepflanzen, für jeden zugänglich und pflückbar. Der bestehenden Skepsis sind wir mit tatkräftigem und mutigem Handeln begegnet. Und haben so unsere Kritiker überzeugt. Denn wenn eine Stadt keine Vision mehr hat und auch nicht den Mut, diese in die Realität umzusetzen, dann entwickelt sie sich zwangsläufig zurück. Als Oberbürgermeister begreife ich meine Rolle nicht nur als Führungskraft, sondern gemeinsam mit meinem Team sind wir auch Raumgestalter. Ich meine hier nicht nur den Stadtraum, sondern auch jenen, in dem Wissen, Wandel und Neues entstehen kann. Die Herausforderung besteht darin, die Bedürfnisse der Menschen zu erspüren und zu befriedigen, bevor diese überhaupt bestehen. Mit dem Wandel zur essbaren Stadt ist uns dies gelungen, denn der Stadtraum ist für unsere Bürger viel zugänglicher und erlebbarer geworden. Unterm Strich hat sich die Lebensqualität in unserer Stadt stark verbessert.“

Achim Hütten
Oberbürgermeister der Stadt Andernach
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