Social Summit 2017

Einfach komplex! Gesellschaftliches Miteinander in komplexen Zeiten.

Die gestiegene Komplexität unserer Welt löst bei vielen Menschen das Gefühl aus, überfordert zu sein. Wie reagieren wir auf das Bedürfnis nach Reduktion und einfachen Antworten?

Social Summit

„Es reicht nicht Komplexität zu problematisieren. Viel wichtiger ist es, sich auf alltägliche Probleme zu konzentrieren. Ein entscheidender Faktor ist, dass Politiker ansprechbar sind. Aber auch Politiker müssen die Menschen ansprechen. Kommunikation kann hier ganz einfach sein. Im direkten Gespräch müssen wir uns als Person präsentieren. Wir müssen unsere Standpunkte erklären, aber auch Differenzen aushalten. Es reicht zum Beispiel nicht, Menschen mit rechter Gesinnung moralisch zu verurteilen. Wichtig ist mit ihnen über gesellschaftliche Zusammenhänge zu sprechen und Konsequenzen aufzuzeigen.“

Alexander Ahrens
Oberbürgermeister der Stadt Bautzen
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„Einerseits werden Sachverhalte durch die globale Vernetzung als vielfältiger und komplexer wahrgenommen. Andererseits lechzen wir aber auch nach dem Mehr an Informationen. Diese standen uns früher so oft nicht zur Verfügung. In der Wahrnehmung von Menschen gibt es aber keinen linearen Anstieg von Komplexität. Vielmehr lässt sich dies als Wellenbewegung beschreiben. Es gibt Phasen, in denen sich Menschen aufgrund bestimmter Umstände eher als Objekte von Entscheidungen fühlen oder die Dinge als zu komplex empfinden. Aufgabe von Bildung ist es, Menschen auch auf solche Situationen vorzubereiten. Wir müssen ihnen Gehör schenken und Räume der Auseinandersetzung bieten.“

Ulrike Sommer
Geschäftsführerin RuhrFutur gGmbH
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„Wir brauchen Räume der Kommunikation, in denen wir uns zuhören und auf Augenhöhe kommunizieren, anstatt über zu große Komplexität zu lamentieren. Als in Dresden die Pegidademonstrationen stattfanden, duckten die liberalen Bürger und die Politik sich weg. Mit Gegendemos, Konzerten vor der Frauenkirche und einem Flüchtlingscafé haben wir deutlich gemacht: Nicht ihr, sondern wir sind das Volk – und haben so der überregionalen Presse gezeigt: Es gibt eine liberale Mehrheit in der Stadt. Wir haben außerdem alle Dresdner zu einer Bürgerbühne im Staatsschauspiel eingeladen. Teilgenommen haben auch Menschen, die zu Pegidademonstrationen gegangen sind. Man muss Differenzen und andere Meinungen aushalten – so wie man im Theater merkwürdige, fremde, suchende, sogar scheiternde Inszenierungen aushalten muss.“

Wilfried Schulz
Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses

Eine Einordnung

Komplexe Zusammenhänge in der Politik

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„Unberechenbarkeit ist ein Prinzip unserer Zeit. Wir wissen oft morgens nicht, was uns am Mittag erwartet. Daraus resultiert akuter Kommunikationsstress. Spitzenpolitikern gelingt es, intelligent mit dieser Unberechenbarkeit umzugehen. Sie müssen darauf reagieren, dass viele Wähler sich wie Orientierungsnomaden verhalten. Sie sind Fans des Erfolges und erwarten Entscheidungen, auch irrationale. All dies befeuert eine Dynamik der Unverbindlichkeit, in der sich die Wähler meist  den Siegern zuneigen. Aus diesen Paradoxien muss Politik Prozesse gestalten. Dafür braucht es die Kompetenz, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. Wenn diese Vermittlung gelingt, kann Politik dazu beitragen, die empfundene Entgrenzung zu mindern und Demokratie lebendig zu halten.“

Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte
Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen

Werkstattgespräch

Wie kommunizieren wir komplexe Themen verständlich?

Die Möglichkeiten, sich differenziert zu informieren, sind größer denn je. Dennoch fühlen sich immer mehr Menschen einseitig informiert. Viele misstrauen den Aussagen von Politik und Medien. Wie wir komplexe Themen verständlich kommunizieren können diskutierten: Isabel Schayani, Stefan Niggemeier und Markus Peichl.

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„Unsere Themen, die Zusammenhänge sind heute komplexer geworden. Politiker können es sich vielleicht erlauben, sich hinter Wortwolken zu verstecken. Aber wir nicht. Ich fände es ein lohnenswertes Ziel, zu versuchen, uns mit unseren Angeboten zu einer Plattform zum Meinungsaustausch zu entwickeln. Vor allem bei WDRforyou machen wir das so. Themen kommen oft von Usern, Journalismus 2.0. Momentan sind wir ganz klar in einem Lernprozess, für den es keinen Masterplan gibt. Den Dialog auf den neuen Plattformen ernst zu nehmen ist richtig viel Arbeit. Wir müssen einerseits auf Kommentare der User reagieren und dabei entscheiden, welche Antworten ein Erkenntnisgewinn für andere sind und wo wir nicht reagieren oder eben auch löschen. Mit der Tagesschau-Aktion „Sag’s mir ins Gesicht“ haben wir aktiv Position gegen Hass im Netz und für eine bessere Diskussionskultur bezogen.“

Isabel Schayani
Journalistin WDR
Social Summit

„Der Journalismus wird zurzeit von zwei Seiten kritisiert: Aus Sicht der verschiedenen Fachcommunities berichten Journalisten zu einfach, aus Sicht bestimmter Teilöffentlichkeiten zu kompliziert. Aus diesem Dilemma gibt es keinen einfachen Ausweg. Wichtig ist jedoch, sich selbst zu reflektieren. Kritisch mit den eigenen Inhalten und auch der eigenen Rolle umzugehen, muss wieder eine journalistische Selbstverständlichkeit sein. Dann kann es gelingen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten immer wieder neu zu erklären. Die offene Gesellschaft lebt davon. Wir müssen wieder lernen, uns wirklich auseinanderzusetzen und zu argumentieren."

Stefan Niggemeier
Medienjournalist und Blogger

Praxisgespräche

Runde 1:

Wie gewinnen wir (verlorenes) Vertrauen (zurück)?

Die gestiegene Komplexität unserer Welt löst bei vielen Menschen das Gefühl aus, überfordert zu sein. Wie reagieren wir auf das Bedürfnis nach Reduktion und einfachen Antworten? Es diskutierten Alexander Ahrens, Dr. Ulrike Sommer und Wilfried Schulz.

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„Es gibt Kritik an den Medien, die ich teile. Etwa beim Umgang der Medien mit Christian Wulff finde ich, dass die Kritiker recht haben. Das heißt aber nicht, dass ich die politischen Positionen der Menschen teile. Aber es ist ein guter Ansatzpunkt um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Leute sind dann ganz überrascht, wenn ich ihnen erst einmal recht gebe und dann erkläre, warum ich die pauschalen Verurteilungen trotzdem für falsch halte. Manchmal ist das nervenzehrend, aber es lohnt sich immer. Heute vertrauen uns viele Leserinnen und Leser wieder mehr. Sie kennen uns persönlich und einige ergreifen sogar für uns Partei und verteidigen uns in der öffentlichen Diskussion.“

Michael Würz
Online-Redakteur beim Zollern-Alb-Kurier
Social Summit

„Beim Begriff „subjektiv“ zucken alle Journalisten erst mal zusammen. Wir hingegen wollen die Geschichten so erzählen, wie wir sie erleben. Das ist authentisch und ehrlich. Und wer junge Menschen für politische Themen begeistern will, muss nah ran und transparent berichten. Deswegen sind wir teilnehmende Beobachter. Bei einem Bericht über ein Flüchtlingsboot habe ich irgendwann meine Kamera zur Seite gelegt und geholfen, Menschen aus dem Boot zu holen. Man sieht in der Reportage, dass mich die Flüchtlingsrettung mitgenommen hat – auch das zeigt man in einer gewöhnlichen Reportage nicht. Unsere User honorieren das. Den Vorwurf „Lügenpresse“ oder „Dafür zahle ich GEZ?“ hören wir selten.“

Dennis Leiffels
Head of Content Y-Kollektiv/funk (ARD/ZDF)
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"Gerade für Ministerien wie das Bundesministerium des Inneren ist es wichtig, auf das Publikum in den sozialen Medien zu reagieren. Wenn wir uns zu einem Sachverhalt nicht verhalten, könnte der Eindruck entstehen, wir geben den Kommentatoren recht. Deshalb bemühen wir uns, auf alle Kommentare einzugehen. Natürlich erreichen wir damit nicht alle, die kommentieren und fragen. Nicht mit allen Usern kommt man auf einen grünen Zweig, viele erreicht man gar nicht. Aber unsere Kommunikation richtet sich auch gar nicht ausschließlich an den Einzelnen oder die Einzelne. Wir kommunizieren immer auch für die Vielen, die mitlesen und sich selbst gar nicht zu einem Thema äußern."

Christiane Germann
Social-Media- und Community-Managerin im Bundesministerium des Innern

Runde 2:

Wie erreichen wir digitalaffine Menschen mit komplexen Themen?

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„Wir stehen für seriöse, politische Nachrichten. Diesen Anspruch in die digitale Welt zu übersetzen ist eine Herausforderung. Wir sind auf den Plattformen präsent, die zu uns passen und bereiten unsere Inhalte so auf, wie es das Publikum dort erwartet und wie es in dem jeweiligen Netzwerk Standard ist. Dabei kann auch ein Seitenaspekt der richtige Zugang zu einem Thema sein. Außerdem setzen wir auf einen visuellen Zugang zu den Nachrichten und auf Erklärfilme – sowohl auf Instagram als auch in der App. Hier arbeiten wir auf der Startseite mit Videos, bieten aber auch klassische Zugänge zu den Nachrichten, z.B. über eine Übersichtsseite in Listenform oder über längere Artikel. Denn auch die User der App zeigen ein unterschiedliches Nutzerverhalten, wie wir über Tests herausfanden. Während der Entwicklung unseres Instragram-Auftritts haben wir ebenfalls Feedback der User eingeholt – und auf Basis dessen Dinge verworfen oder weiterentwickelt.“

Rike Woelk
stellvertretende Redaktionsleiterin tagesschau.de
Social Summit

„Mitte der 1990er Jahre haben die Netzpiloten als Start-up angefangen. Wir haben uns den Geist dieser Start-up-Kultur beibehalten und interessieren uns immer noch für neue Entwicklungen und Technologien. Diese Neugierde bedeutet aber nicht, dass wir jeden Trend mitmachen. Unsere Sozialisierung liegt ganz klar bei den textorientierten Machern. Wir fühlen uns der Kulturtechnik „Texte“ verbunden. Unsere Leserinnen und Leser sind ein sehr interessiertes Publikum – fast schon ein Fachpublikum – und die wissen das zu schätzen. Wir sind sicher, dass der Text nicht verschwindet.“

Wolfgang Macht
Gründer und Vorstand der Netzpiloten
Social Summit

„Viele der großen Verlage und Medien haben den Buzzfeed-Journalismus adaptiert. Ihre Überschriften folgen sehr prägnanten Fragen oder versprechen Hitlisten der Top Five. Oft antworten die Artikel aber gar nicht auf die Fragen in den Überschriften. Aus meiner Sicht ist das ein Fehler – wir dürfen nicht nur auf die Inhalte schauen, sondern müssen auch in die Tiefe gehen. Alles andere muss sich zu Recht den Vorwurf des Click-Baiting anhören.“

Christina zur Nedden
Journalistin und Bloggerin auf netzpiloten.de
Social Summit

„Ich höre oft die Fragen: Bricht ein 3. Weltkrieg aus? Stirbt die EU? Solche Fragen versuche ich, in etwa 10 Minuten ausführlich zu beantworten. Hintergrund geht bei mir vor Schnelligkeit. Wir dürfen das Feld nicht denen überlassen, die Menschen manipulieren und beeinflussen möchten. Mein Ziel ist, junge Menschen anzuregen und mit Ihnen zu diskutieren. Denn es gibt nur wenige Angebote für die Altersgruppe zwischen logo! und Tagessschau. Es ist wichtig, bei Youtube selbst aktiv zu sein, auf Kommentare und Mails zu reagieren. Ich antworte manchmal auch nachts noch auf einen Kommentar, schaffe es aber leider längst nicht mehr, alle Fragen zu beantworten.“

Mirko Drotschmann
Journalist und Produzent
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