Risikogruppe nicht mit Alter gleichsetzen

Wie wir die Generationen 60 plus nicht als ohnmächtig, sondern als Teil einer lebendigen Bürgergesellschaft sehen.

Karin Haist und Susanne Kutz, Körber-Stiftung
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Karin Haist und Susanne Kutz, Körber-Stiftung

Susanne Kutz leitet den Bereich Alter und Demgrafie der Körber-Stiftung. Karin Haist leitet die Projekte demografische Zukunftschancen der Körber-Stiftung.

Deutschland ist dabei, die Beschränkungen aufzuheben. Museen sind wieder geöffnet und auch essen gehen ist wieder erlaubt. Man hat den Eindruck, ältere Menschen nehmen die Angebote nur zögerlich an. Woran könnte das liegen?

Kutz: Da gibt es keine eindeutige Antwort. Insbesondere, weil man beim Altersbegriff stark differenzieren muss. Es gibt ganz verschiedene Typen von alten Menschen. Hier bei uns im „Haus im Park“, einem Begegnungsort für Ältere, haben wir beide Beobachtungen gemacht. Es gibt viele, die auf ein schnelles Zurückkommen drängen und alle Restriktionen über Bord werfen. Und dann gibt es auch welche, von denen wir wenig hören, die sehr zurückhaltend in ihren häuslichen Umgebungen bleiben. Aber ich glaube, diese Umstellung gilt für alle Altersgruppen. Das Umdenken von Lockdown zu Lockerung funktioniert nicht so schnell.

Vermehrt gab es Stimmen, die sich dafür ausgesprochen haben, den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen nach Personengruppen zu trennen, beispielsweise ältere Menschen gehen vormittags ins Museum. Was halten Sie davon?

Haist: Wenn es gute Gründe gibt und es dem Schutz einzelner Gruppen dient, dann wäre z.B. ein Appellieren an Solidarität und damit einhergehend das Freihalten von gewissen Time-Slots zum Beispiel für vorerkrankte Menschen oder Familien mit Kindern nicht verkehrt. Aber das muss auf freiwilliger Basis passieren und darf nicht angeordnet werden.

Kutz: Ein Vorgehen, das Menschen über 60 pauschal vorschreibt, zu Hause zu bleiben, damit der Rest der Gesellschaft seinen Alltag leben kann, entspricht weder der Unterschiedlichkeit der Menschen noch ist es alltagstauglich.

„Es gibt nicht das eine Alter.“

Das Risiko, an einen schweren Verlauf der Corona-Erkrankung zu haben, steigt mit zunehmendem Alter. Pauschal sprechen wir von den alten Menschen, die bedroht sind. Was sagt das über unser Altersbild aus?

Kutz: Dieses Thema hat uns hier bei der Körber-Stiftung sehr aufgescheucht. Wir arbeiten seit vielen Jahren daran, auf ein zeitgemäßes Altersbild zu setzen und die Differenziertheit des Alters aufzuzeigen. Es gibt nicht das eine Alter. In der Gruppe  der 50- bis 90-jährigen Menschen sind es heute zwei bis drei Altersgenerationen. Wir arbeiten daran, das aktive, das mitwirkende Alter in der nachberuflichen Phase attraktiv zu machen. Insbesondere in der Engagement-Szene in Deutschland zeigt sich so etwa zur Zeit der Flüchtlingskrise, sehr deutlich, welches gesellschaftliche Potenzial hier schlummert. Diese aktiven und verantwortungsvollen Menschen jetzt alle nur noch als hilfsbedürftig anzusehen und mit Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen, das halte ich für absolut gefährlich. Hier müssen wir deutlich machen: Wir können auf diese Alterskohorte absolut nicht verzichten, wenn wir eine lebendige Bürgergesellschaft aufrechterhalten wollen.

Haist: Mit der pauschalen Aussage, dass ältere Menschen per se eine Risikogruppe darstellen, passiert im Moment eine Zuschreibung, die wir so nicht stehen lassen können. Diese Zuschreibung stigmatisiert die Menschen als Schutzbedürftige, Ohnmächtige, Nicht-Handlungsfähige – und gleichzeitig prägt es unser Altersbild, wenn wir über Alter nur mit negativen Attributen reden. Was wir dabei natürlich auch vergessen: Corona ist keine Alterskrankheit, das Virus trifft alte Menschen unverhältnismäßig oft und stark, weil viele Vorerkrankungen haben. Aber wie in jeder anderen Lebensphase gilt auch hier, dass kalendarisches und biologisches Alter nicht einfach gleichgesetzt werden können. Es geht schon auch um die individuellen Voraussetzungen!   

Warum haben wir heute das Problem, das sich solche Zuschreibungen so schnell verfestigen? Und was planen sie als Stiftung, damit sich das ändert?

Haist: Wir werden weiterhin auf Diskurs setzen, auf die Kraft der Aufklärung und Diskussion. Und auch auf die Überzeugungskraft von Rollenvorbildern. So werden wir trotz Corona im Juni unseren Zugabe-Preis verleihen. Das ist ein Preis für Gründer und Gründerinnen 60 plus, für Menschen, die im Alter noch einmal neu aufbrechen, unternehmerisch tätig sind und damit die Gesellschaft verändern. Unter den Preisträgerinnen ist z.B. Elke Schilling. Sie ist 75 und setzt mit ihrem Sozialunternehmen „Silbernetz“ der Einsamkeit älterer Menschen Telefonpartnerschaften entgegen, und sie schafft Arbeitsplätze für Schwerbehinderte und Langzeitarbeitslose.

Kutz: Und wir setzen sehr darauf, gute Praxis-Beispiele und alternative Herangehensweisen in den Kommunen zu sammeln und diese u.a. über unser Programm „Stadtlabor demografische Zukunftschancen“ vorzustellen. Denn das Älterwerden findet vor Ort statt. Wir werden jetzt sicherlich sehr spannende Erfahrungen, insbesondere im Bereich Digitalisierung, sammeln. Dahingehend sehen wir die Epidemie auch als eine gewisse Chance. Plötzlich ist die Notwendigkeit da, auf andere technische Tools umzusteigen. Allerdings müssen wir niedrigschwellige Strukturen schaffen, damit die Menschen diese Hilfen auch annehmen. Welche Bedingungen brauchen wir, um gute nachbarschaftliche Quartiere zu entwickeln? Was müssen wir tun, bevor solche Ausnahmezustände passieren? Wichtig ist, dass wir die Erfahrungen, die wir jetzt sammeln, in die weiteren Entscheidungsprozesse für altersfreundliche Städte und Kommunen einbringen.

Haist: Das tun wir zum Beispiel auch durch Studien und konkrete Handlungsempfehlungen für Kommunen.  Eine Analyse zum Thema Einsamkeit als kommunales Thema, zeigt klar, dass nicht nur Viren krank machen können, sondern auch Isolation. Ab 75 steigt im Lebenslauf die Chance, sich einsam zu fühlen, steil und stetig an – was natürlich auch mit Alleinleben und der Mobilität der eigenen Familie zu tun hat. Aber Einsamkeit im Alter ist gefährlich.  Herzkreislauf-Erkrankungen nehmen zu, auch psychische Erkrankungen und sogar die Wahrscheinlichkeit, dement zu werden. Und Einsamkeit ist sogar für das Umfeld ansteckend. Eine zweite Studie, die wir ebenfalls zusammen mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung publiziert haben, behandelt das Thema, wie wir in der alternden Gesellschaft  mit dem Tod umgehen wollen. Da zeigt sich vor allem, dass Menschen sozial eingebunden und in vertrauter Umgebung sterben wollen und dass wir uns viel stärker auch als Gesellschaft mit dem Tabuthema Tod beschäftigen sollten. Auch das ist ja eine Facette des selbstbestimmten Älterwerdens, das wir uns mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen. Das begleitet die Körber-Stiftung mit vielen Diskussionsangeboten oder auch mit Ausstellungen und anderen Anlässen. Und das ist in der Coronakrise, wo Menschen auch allein gestorben sind, natürlich dringlicher denn je!

„Wir müssen aufhören, Risikogruppe und Alter gleichzusetzen, sondern brauchen einen differenzierten Blick, insbesondere in der Krisensituation, um gute Lösungen zu finden.“

Haben Sie das Gefühl, dass die Älteren in der Differenziertheit, wie Sie sich das wünschen, Gehör finden?

Kutz: Bei all den dramatischen und schmerzhaften Geschichten, die in den Medien thematisiert wurden, kamen durchaus die Älteren zu Wort. Aber wieder nur als  Bedürftige. Der Teil der aktiven Älteren kommt nicht zu Wort. Das macht etwas mit einer Gesellschaft. Wir müssen aufhören, Risikogruppe und Alter gleichzusetzen, sondern brauchen einen differenzierten Blick, insbesondere in der Krisensituation, um gute Lösungen zu finden.

Was sollten Bund, Länder und Kommunen jetzt tun?

Haist: Wir haben derzeit allen Grund, den Föderalismus und die Subsidiarität in Deutschland wertzuschätzen und gern auch zu stärken. Durch die kleinräumig wahrgenommene Verantwortung entstehen in der Corona-Krise passgenaue Lösungen und innovative Ideen. Ich begrüße den Impuls der Bundespolitik, die Kommunen wirtschaftlich zu entlasten. Finanzielle Handlungsspielräume auf kommunaler Ebene sind ganz wesentlich. Denn da, vor Ort, sitzen die Expertinnen und Experten für die Gestaltung des demografischen Wandels, da ist Nähe, da muss es gelingen, dass wir gut altwerden. Und das heißt immer: Für Menschen im dritten Lebensabschnitt eine gute Versorgung zu gewährleisten, aber ihnen auch Teilhabe zu gewähren.

Kann man etwas aus dieser Krise lernen?

Kutz: Distanz sollte nicht zum Grundmotiv unseres zukünftigen Handelns werden. So groß die Distanz jetzt auch ist, ich wünsche mir, dass sich dieser Umgang miteinander nicht festigt. Distanz und Miteinander passen auf Dauer nicht zusammen. Wir haben in der Körber-Stiftung Orte der Begegnung geschaffen, zum Beispiel mit dem Haus im Park, und wir planen neue Begegnungsorte. Der direkte menschliche Austausch ist eine ganz wichtige Ebene, auf die wir setzen und für die es Räume geben muss – für alle Generationen und Kulturen. Gleichzeitig können wir feststellen, dass wir als Gesellschaft in der Krise – alle Generationen! – eine unglaubliche Lernkurve hingelegt haben. Wenn es nötig ist, können wir uns gut auf Neues einlassen, solidarisch handeln und verzichten – und das sehr schnell. Das finde ich ermutigend und das sollten wir uns erhalten.

Haist: Es sollte jetzt die Aufgabe aller sein, darüber nachzudenken, was die zukünftigen Push-Faktoren sein können, um gesellschaftliche Themen voranzubringen. Wenn wir Corona meistern, was kann uns dann gemeinsam als Ziel dienen und was gilt es zu bewahren? Wie können wir auch ein ökologisches Umdenken gemeinsam vorantreiben?

Ein Blick in die Glaskugel: Wird sich die Politik bzw. Alterspolitik durch Corona verändern?

Haist: Ich hoffe sehr, dass wir einen anderen Blick auf die Altenpflege bekommen. Wir brauchen eine andere Entlohnung, eine andere Sichtbarkeit, eine andere Wertschätzung dieser so wichtigen Arbeit.

Kutz: Das Thema Alterspolitik bleibt weiterhin ein dickes Brett – zumal durch den demografischen Wandel und das Anwachsen der Alterskohorten auf deutlich über 30 Prozent alle gesellschaftlichen Bereiche die Auswirkungen der Alterung spüren werden. Gutes Leben im Alter braucht auch solidarische Konzepte aller Generationen. Dass wir die Aufgaben nicht nur eindimensional betrachten können und dürfen, hat uns Corona durchaus gelehrt.

Was nehmen Sie sich als Stiftung vor? Hat Corona Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Kutz: Corona hat tagtäglich Auswirkungen auf unsere Arbeit. Unsere Arbeit ist stark geprägt von Veranstaltungen, Austausch und konkreter Begegnung. All das nun in andere Formate zu übertragen ist eine Herausforderung. Viele unserer Prozesse müssen wir umdenken. So werden wir unsere Programmgestaltung nicht mehr so langfristig planen, weil wir flexibel bleiben müssen. Bisher wussten wir, was morgen und übermorgen ansteht. Jetzt müssen wir mit dieser Ambivalenz der Offenheit umgehen.

Haist: Uns beschäftigt Corona strukturell und thematisch. Das Haus im Park ist eigentlich ein offenes Zentrum, das sich über 40 Jahre bewährt hat als Begegnungsort für ältere Generationen. Das ist im Moment fast stillgelegt. Es ist eine ganz große, schwierige Aufgabe, eine solche Einrichtung, mit Theater, mit Werkstatträumen, mit Bildungs- und Bewegungsangeboten, nicht öffnen zu können oder auch nur teilweise wieder anfahren zu dürfen. Wir wissen nicht, wie lange welche Kontakteinschränkungen gelten werden. Und Kontakt und Begegnungen sind das Lebenselixier dieses Hauses!  

Für unser nächstes Körber Demografie-Symposium haben wir ein neues Thema gewählt. Der Arbeitstitel ist „Disruption und Innovation“. Wir wollen darüber in den Austausch kommen, ob jetzt in Krisenzeiten in Kommunen und Städten strukturell etwas gelernt wird, was wir in guten Zeiten weitertragen können. Die Veranstaltung findet am 4. und 5. November statt, vermutlich als Hybrid mit starken digitalen Anteilen. Begleitend erstellt das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie zur Frage, was die Corona-Krise im lokalen Altersmanagement an Herausforderungen, aber vor allem auch Lösungen produziert hat. Und wie daraus vielleicht sogar Innovationen für die Stadt der Zukunft entstehen.

 

Von Irmgard Nolte, 17. Juni 2020

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