Digital beteiligen geht klar, aber streiten?

Wie uns neue digitale Formate bereichern und warum echte Begegnung unersetzbar bleibt.

Dorothee Vogt, Schöpflin Stiftung und Jascha Rohr, Institut für Partizipatives Gestalten
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Dorothee Vogt, Schöpflin Stiftung und Jascha Rohr, Institut für Partizipatives Gestalten

Dorothee Vogt verantwortet den Programmbereich Wirtschaft & Demokratie der Schöpflin Stiftung. Gemeinsam mit dem Verein „Mehr Demokratie e. V.“ initiierte die Stiftung das Beteiligungsprojekt „Bürgerrat Demokratie“. Jascha Rohr ist seit über zwanzig Jahren als Changemaker, Transformationsdesigner und Governanceberater tätig. Er begleitet kollaborative Gestaltungsprozesse für nachhaltige Entscheidungsfindung.

Welche Erfahrung haben Sie mit Beteiligungsverfahren in Corona-Zeiten gemacht. Bleiben die jetzt eher auf der Strecke?

Vogt: Das erlebe ich sehr stark. Viele für den analogen Bereich geplanten Formate, wo Menschen sich wirklich treffen, mussten kurzfristig abgesagt oder komplett umstrukturiert werden. Wir alle sind von heute auf morgen in eine digitale Zukunft torpediert worden. Wenn man Verfahren gleich schon digital plant, kann man sicher vieles davon auffangen. Ich habe selber auch an einigen Formaten teilgenommen, die ich spannend fand. Aber mein Fazit bleibt: Als ergänzendes Repertoire sind die digitalen Formate sehr gut, aber die Begegnung im echten Leben ist einfach unersetzbar. Bei Beteiligungsformaten ist es wichtig, dass sich Menschen, die sich austauschen, in die Augen sehen können.

Rohr: Da habe ich ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Es kam jetzt erstmal zu massiven Einbrüchen, bereits geplante Veranstaltungen wurden abgesagt. Selbst wenn Dienstleister rechtzeitig und sehr schnell mit neuen Konzepten um die Ecke gekommen sind, hat die Umstellung und Umstrukturierung bei den Auftraggebern doch zu lang gedauert. Wie diese Lücken genau aussehen, hat dann mit dem methodischen Ansatz zu tun, den man in der Partizipation wählt. Wenn man dabei klassisch auf Diskurs setzt, ist es weniger leicht. Natürlich kann man online auch diskutieren, aber ich finde, zu einer guten Debatte gehört in jedem Fall die Begegnung. Und dann ist es schwierig, diese Formate einfach in einen neuen, virtuellen Raum hinüberzutragen.

Beteiligung lässt sich also nicht komplett ins HomeOffice verlagern. Zu Teilen aber schon. Welche Formate funktionieren auch digital gut?

Rohr: Der Ansatz unseres Instituts ist es, sehr viel mit gestalterischen und entwurfsorientierten Methoden zu arbeiten. Wir wollen dass Beteiligte Gestalter*innen werden. Z.B. mit Materialien, Beobachtungen, Recherchen und Analysen, die die Teilnehmenden selber erstellen. Diese Dinge können sie auch offline alleine machen, indem sie recherchieren und in Büchern lesen. Wir müssen dann nur noch den Austausch organisieren. Und dann wird so ein Prozess plötzlich viel abwechslungsreicher, selbst auf die Distanz. Wir sind jetzt sogar dazu übergegangen, ein ganz altes Medium wieder einzuführen, nämlich die Post. Wir schicken den Leuten per Post Material zu, mit dem sie dann zuhause arbeiten können und sie schicken uns ihre Ergebnisse, Modelle, Prototypen und gezeichnete Karten wieder zurück. Das macht denen unglaublich Spaß. Darin liegt dann auch die große Chance – das Beste von zwei Welten.

Vogt: Interessant finde ich auch, dass sich gerade im digitalen Raum manchmal besser Räume schaffen lassen, in denen auch wirklich alle gehört werden. Weil man beispielsweise in Videokonferenzen nicht einfach so in einer großen Gruppe drauflossprechen kann und sich dann nicht die, die am schnellsten und mutigsten sprechen, automatisch am lautesten Gehör verschaffen.

Der Digitalisierungsschub wirkt also positiv auf Beteiligungsverfahren?

Vogt: Was mich schon beeindruckt, ist wie so ein Krisenmoment die Kreativität ankurbelt. Man denkt dann auf einmal in ganz neuen Formaten. Aber vor allen Dingen ist wichtig, dass in diesen Monaten, in denen wir uns in der Krise zurechtfinden müssen, eben auch eine große, große Lücke entstanden ist.

Rohr: Übrigens gilt das auch für die Rückmeldung von Teilnehmenden zu neuen digitalen Formaten. Pro und Contra halten sich die Waage bei den Veranstaltungen, die ich bisher hatte. Manche bewerten diese andere Qualität als positiv, manche als negativ. Was aber wirklich toll ist, dass nun plötzlich auch mal Leute von weiter weg teilnehmen können. Das ist natürlich die ganz, ganz große Chance.

„Die Bereitschaft für einen größeren Methodenkasten hat sich insgesamt geöffnet. Das könnte auch in der Zukunft für bessere Beteiligungsformate sorgen.“

Welche Gruppen profitieren besonders davon, dass die Formate nun häufiger digital angeboten werden?

Vogt: Den Digitalisierungsschub erleben wir ja jetzt in ganz vielen Lebensbereichen – ob mit den eigenen Großeltern zu skypen, beim Home-Schooling oder im Homeoffice und das erweitert zumindest das Repertoire. Und auch für Menschen mit körperlichen Behinderungen wird es teilweise leichter, über den digitalen Raum teilzunehmen. Natürlich hat aber auch nicht jeder die Möglichkeit, schnell zu lernen, wie das funktioniert. Es gibt immer auch noch Leute, die in diesen digitalen Räumen ausgeschlossen sind. Aber die Bereitschaft für einen größeren Methodenkasten hat sich insgesamt geöffnet. Das könnte auch in der Zukunft für bessere Beteiligungsformate sorgen. Und wenn das eintritt, dann sind wir wirklich einen großen Schritt vorangekommen.

Werden bestimmte Gruppen durch die Digitalisierung von Beteiligung nicht eher ausgeschlossen?

Rohr: Meine Erfahrung ist bisher, dass das kaum der Fall ist. Die Stadtwerkstatt Berlin ist zurzeit ein größeres Projekt, das mein Institut betreut: Viele ältere Menschen nehmen daran sehr engagiert teil. Die haben sich von ihren Enkeln zeigen lassen, wie es geht. Niemand ist deshalb nicht mehr gekommen. Im Gegenteil, es gibt sogar eine größere Bereitschaft, mal kurz von zuhause aus in ein Online-Treffen reinzugucken, als einmal für eine zweistündige Veranstaltung durch die ganze Stadt zu fahren. Für Menschen auf dem Land ist es dagegen schwieriger, weil Deutschland – was den Breitbandausbau angeht – in ländlichen Bereichen oft Entwicklungsland ist. Mir ist mehrfach aufgefallen, dass Leute auf dem Land Probleme mit der Sprachqualität hatten. Das war bei der Durchführung von Veranstaltungen bislang das gravierendste Problem. Mit Bildung oder Alter hatte das nichts zu tun.

Vogt: Da stimme ich Dir, lieber Jascha, voll zu. Darüber hinaus glaube ich, dass sich im digitalen Raum die gleichen Tendenzen zeigen wie im analogen Raum. Dass bestimmte Menschen die Ressourcen haben, die Kraft und den Willen, sich zu beteiligen, und dass es für sie in der Regel im echten Leben und im digitalen Raum einfacher ist. Man hat in allen Formaten die Herausforderung, dass es Menschen gibt, die sich nicht so befähigt fühlen, ihre Stimme zu erheben und sich einzubringen. Man muss sich sehr bemühen und sehr darüber nachdenken, wie man alle Menschen einlädt und dazu gewinnt, sich zu beteiligen.

Rohr: Ja auf jeden Fall. Also ich mache mir auch sehr viele Sorgen über junge Menschen, die keinen direkten Bezug zur Politik haben oder über fehlende Bildung. Diese Schwelle, zu einer Veranstaltung zu gehen, die ist doch groß – egal ob man es klassisch oder digital macht. Da gilt es dann, wieder die üblichen Methoden einzusetzen, eine aufsuchende Beteiligung zu machen – also dorthin zu gehen, wo Menschen sich aufhalten. Das ist in Corona-Zeiten schwierig, geht aber auch – man muss ja nicht in die Häuser hineingehen.

„Es muss um relevante Themen gehen, es muss glaubwürdig der Raum geschaffen werden, dass Menschen auch mitgestalten können, und die Haltung muss von Transparenz geprägt sein.“

Welche weiteren Ansätze gibt es, in diesen Zeiten neue Menschen für Beteiligungsformate zu gewinnen?

Vogt: Ich habe erst jüngst von der Arbeit der Stiftung Digitale Spielekultur erfahren und fand deren Ansätze extrem spannend und innovativ. Sie entwickeln Formate, um Demokratiebildung in der Games-Welt anzudocken – und erreichen so Jugendliche und junge Erwachsene in ihrem digitalen Medium. Diese Zielgruppe würde wohl kaum kommen, wenn, sagen wir mal, die Schöpflin-Stiftung einen Link zu einem Webinar per Email verschickt. Aber auch das bislang analoge Format Bürgerrat bietet einen spannenden Ansatz, um neue Menschen für Beteiligungsformate zu gewinnen: das Losverfahren. Die Plätze werden per Zufallsauswahl und nach ein paar Kriterien wie Alter, Geschlecht und so weiter verteilt. So bildet ein Bürgerrat eine Art „Mini-Deutschland“ ab. Das gibt diesem Format viel Glaubwürdigkeit. Und das Prinzip Losverfahren funktioniert auch bei digitaler Beteiligung.

Rohr: Du hast da einen wichtigen Begriff genannt, Dorothee, nämlich Glaubwürdigkeit. Wir haben mal für das Bundesumweltamt eine Studie gemacht über Inklusion in der Beteiligung. Das war eine empirische Studie, und da kam ziemlich deutlich raus, was auch für die Onlinebeteiligung gilt: Es muss um relevante Themen gehen, es muss glaubwürdig der Raum geschaffen werden, dass Menschen auch mitgestalten können, und die Haltung muss von Transparenz geprägt sein. Das sind Qualitäten, wie man an etwas herangeht und nicht mit welcher Methode.

Wenn es um Beteiligung geht, ist ja auch interessant zu beobachten, dass gerade jetzt viele Menschen demonstrieren gehen. Wie erklären Sie sich das?

Vogt: Die Menschen drängt es in die Begegnung – das sieht man zum Beispiel auch daran, dass die Klimabewegung relativ früh im Lockdown wieder Aktionen auf der Straße geplant hat. Auch deshalb, weil das Bedürfnis der Menschen und das Gefühl „Ich kann etwas bewegen“ am Ende häufig etwas sehr Körperliches ist. Eine Erfahrung von „sich in die Augen sehen“ und „sich treffen“. Das ist sehr wichtig. Und dass diese komplette Versetzung in den digitalen Raum deswegen schon eine Art Entmündigung der Gesellschaft ist – sofern das so bleiben würde.

Herr Rohr, wie denken Sie über die derzeitigen „Hygiene-Demos“?

Rohr: Wenn ich so ganz ehrlich gefragt werde, ich mache mir gerade große Sorgen um die politische öffentliche Kultur, sehe vieles mit Skepsis und bin gerade ein bisschen ratlos. Umso mehr hoffe ich, dass unsere Arbeit mit Beteiligungsverfahren mehr und mehr Sinn ergibt und auf mehr und mehr Ebenen umgesetzt wird. Denn das sind auch geschützte Räume, in denen es eine kollektive Verantwortung gibt füreinander, damit nicht jemand so komplett ins Off und den Populismus abdriftet. Je mehr das vielleicht auf der Straße verloren geht, umso wichtiger wird es, dass wir solche Räume schaffen, in denen man sich produktiv auseinandersetzen kann – ohne, dass dabei alles völlig aus dem Ruder läuft.

Vogt: Ich finde, das ist sowieso der Kern. Denn warum reden wir über Bürgerbeteiligung? Wir reden darüber ja nicht als Selbstzweck, sondern weil Menschen die Erfahrung machen müssen: Wenn sie an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt werden, wird diese Beteiligung auch in politisches Handeln umgesetzt. Das heißt, wenn Bürgerinnen und Bürger politische Vorschläge entwickeln, muss das Ganze auch irgendwo in der Politik ankommen. Wenn Menschen aber erleben, dass beispielsweise am Ende des Tages politische Entscheidungen stärker von Konzerninteressen geleitet sind als von Gemeinwohlzielen wie zum Beispiel sozialer Gerechtigkeit, dann muss man sich nicht darüber wundern, dass das Vertrauen der Menschen erschüttert ist. Und dass dieser Vertrauensverlust dann häufig ungute Wege nimmt, und sich Wut und Zorn an der falschen Stelle entladen.

 

Von Nannette Remmel, 17. Juni 2020

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