Klimaschutz ist keine Dystopie

Nicht weniger, sondern nachhaltiger reisen. Die Wirtschaft transformieren statt sie zum Erliegen zu bringen. Warum die Zeit jetzt reif ist, diese Utopien zu erreichen.

Jakob Blasel, Fridays for Future
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Jakob Blasel, Fridays for Future

Jakob Blasel hat die Bewegung Fridays for Future im September 2018 mitgegründet. Er hat gerade sein Abitur gemacht und plant, Jura zu studieren.

Corona ist noch immer omnipräsent. Andere Themen dringen nach wie vor nur langsam durch. Nervt Sie das nicht manchmal auch?

Blasel: Corona war omnipräsent, als es wichtig war, sich vor allem um dieses Thema zu kümmern, als das Risiko im Raum stand, dass unser Gesundheitssystem zusammenbricht und dadurch akut Menschenleben in Gefahr sind. Für uns ist Klimaschutz kein Selbstzweck. Das ist ein Thema, dass letztendlichen den Schutz von Menschenleben und Menschenwürde als Ziel hat. Daher war es erst mal wichtig, die Corona-Krise zu bekämpfen. Wenn wir aber diese Krise bekämpfen wollen, müssen wir auch wieder über Klimaschutz sprechen. Ansonsten stehen wir vor den nächsten großen Problemen. In der Debatte um das große Konjunkturpaket konnte sich das Thema gegen die Autolobby durchsetzen. Das war schon einmal ein Erfolg. Aber viel mehr war leider auch nicht drin. Das Konjunkturpaket als Klimaschutzpaket oder Klimaschutzhilfe zu bezeichnen, ist übertrieben. Letztendlich ist es der verzweifelte Versuch der Bundesregierung, Klimaschutz so zu betreiben, dass der Status quo erhalten bleibt. Aber wenn wir die Klimakrise stoppen wollen, dann können wir den Status quo nicht halten. Dann müssen wir alles ändern.

Welche Themen kommen in den Medien Ihrer Meinung nach zu kurz?

Blasel: Beim Gesetz zum Kohleausstieg beispielsweise geht es in der Debatte vorallem um die juristischen Formulierungen. Meiner Meinung nach verdient aber dieses Gesetz den Titel nicht. Es hat den schon sehr schlechten Kohlekompromiss, der vor eineinhalb Jahren gefunden wurde und der schon damals nicht ausgereicht hat, um unsere Zukunft zu retten, nun noch weiter aufgeweicht. Im Prinzip ist das Gesetz eine Garantie für die Kraftwerksbetreiber, dass sie noch bis zum Jahre 2038 Kohle verfeuern dürfen. Das wird nicht thematisiert, weil es einfach nicht greifbar ist.

Fridays for Future ist eineglobale soziale Bewegung, die sehr stark durch öffentliche Aktionen geprägt ist. Das war jetzt in der Zeit von Corona weniger möglich. Wie haben Sie in dieser Zeit Aufmerksamkeit erzielt?

Den 24. April 2020 hatten wir als den nächsten großen Aktionstag angekündigt. Es musste natürlich viel umgeplant werden. Letztendlich haben wir riesige Aktionsbilder in ganz Deutschland geschaffen. Da, wo sonst Menschen demonstriert haben, wurden die Schilder hingelegt. In Berlin hatten wir vor dem Bundestag ein riesiges Aktionsfeld. Wichtig ist uns, über alle Krisen zu sprechen. Die Lage ist weitaus dramatischer als wir uns das vorstellen. Beim Klima dürfen wir nicht erst handeln, wenn es zu spät ist. Sonst haben wir weitaus unangenehmere Maßnahmen als einen Lockdown.

Eine Zeitlang war Fridays for Future in den Medien sehr präsent. Das hat jetzt etwas abgenommen. Woran liegt das? Fehlen die Bilder vom Protest auf der Straße?

Blasel: Wir dringen weiterhin mit dem Klimaschutzthema durch. Wir haben erreicht, dass es für die meisten Menschen und die Regierung Alltag geworden ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Auf diese Energie müssen wir jetzt aufbauen und konkrete Maßnahmen schaffen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Wir werden unseren Protest weitertragen und wollen konkreter werden. Wir haben uns jetzt ganz bewusst in die Konjunkturdebatte eingemischt und Stellung zur Abwrackprämie bezogen. Der wirkliche Job liegt aber bei der Politik. Sie muss jetzt handeln. Gleichzeitig sehe ich, wie viele Menschen das Thema weiter aufgreifen. Und wenn viele der 1,4 Millionen Menschen, die mit uns im letzten September auf den Straßen waren, diesen Protest auch in ihren Funktionen weitertragen, dann können wir etwas erreichen.

„Wir fordern eine Utopie“

Die Politik hat während der Corona-Krise sehr schnell Maßnahmen umgesetzt: Das Reisen wurde eingeschränkt, Flugreisen waren gar nicht möglich. Warum war da auf einmal etwas möglich, was lange Zeit unmöglich schien?

Viele glauben, dass die Corona-Maßnahmen unserer Vorstellung entsprechen, um Klimaschutz einzuleiten. Wir wollen aber nicht, dass weniger gereist wird. Wir wollen, dass nachhaltiger gereist wird. Wir wollen die Wirtschaft transformieren, anstatt sie zum Erliegen zu bringen. Diese Corona-Dystopie ist nicht das, was für uns Klimaschutz bedeutet. Wir fordern eine Utopie. Wir fordern, dass unsere Zukunft – das Klima – geschützt wird und eine lebenswerte Welt erhalten bleibt.

Manche befürchten jetzt, dass aufgrund der Wirtschaftskrise das Geld wieder in die klassische Wirtschaft gepumpt wird und weniger in den Klimaschutz. Befürchten Sie das auch?

Das befürchte ich nicht nur, das ist das, was wir faktisch sehen. Lufthansa erhält neun Milliarden Euro, ohne irgendwelche Klimaschutzverpflichtungen eingehen zu müssen. Das ist aus meiner Sicht einfach nur absurd. Die Gelder, die jetzt in die Wirtschaft gehen, sollten die Unternehmen unterstützen, die es jetzt schon schaffen, das Klima zu schützen. Natürlich müssen auch die Unternehmen aus der klassischen Wirtschaft weiterhin finanziell unterstützt werden, weil sonst die Wirtschaft zum Erliegen kommt und die Arbeitslosenquote stark steigt. Aber hier wäre es sinnvoll, die Gelder an Klimaschutzvereinbarungen zu koppeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung von Innovationen. Dann könnten Produkte, die jetzt noch nicht marktreif sind, fertig entwickelt und so neue Wege der nachhaltigen Wirtschaft ermöglicht werden.

Was sollte die Politik Ihrer Meinung nach konkret tun?

Da habe ich eine lange Wunschliste. Die drei größten Sofortmaßnahmen für mich wären: Eine komplette Neugestaltung unserer Finanz- bzw. Ausgabenpolitik. Zum Beispiel sollte es für fossile und klimaschädliche Technologien keine finanziellen Unterstützungen mehr geben. Es sollte eine vernünftige CO2-Bepreisung eingeführt werden, eine Art CO2 Umlage. Das heißt, wer wenig CO2 ausstößt, profitiert davon finanziell. Da müssen wir preislich viel höher einsteigen als die konnotierten 40 Euro. Das bewegt niemanden zum Umdenken. Der dritte Aspekt ist ein schnellerer Kohleausstieg als 2038.

Für die Zeit nach Corona: Was können wir Ihrer Meinung nach aus der Krise lernen und was braucht es, um für die Zukunft besser aufgestellt zu sein?

Blasel: Wir können auf jeden Fall mitnehmen, dass wir gemeinsam große gesellschaftliche Aufgaben schaffen. Wenn wir eine Krise bekämpfen wollen, dann ist das möglich. Also kann es auch für die Klimakrise möglich sein. Damit jedoch ähnlich wie bei Corona alle mitziehen, braucht es eine klare Ordnungspolitik. Und es braucht individuelle Verhaltensänderungen. Dann können wir uns gemeinsam eine schönere Zukunft bauen. Die Chance ist da.

Ein Blick in die Glaskugel: Wird sich die Klimapolitik Ihrer Meinung nach verändern?

Ich habe große Hoffnung, dass sich durch die Bundestagswahl nächstes Jahr die Mehrheiten verschieben und sich unsere Politik in Richtung Umweltschutz verändert. Wenn wir es schaffen, die neuen gesellschaftlichen Mehrheiten, die sich gebildet haben, auch im Parlament abzubilden, steht hoffentlich konkreten politischen Veränderungen nichts mehr im Weg.

Was nehmen Sie sich als Bewegung vor? Verändert Corona Ihre Arbeit?

Ich sehe ganz viel Stimmung in dieser Bewegung, die darauf basiert, dass tausende junge Menschen in allen Städten etwas organisieren, Bock haben, Proteste auf die Beine zu stellen und die Empörung sich in Fakten verwandelt. Daher wollen wir uns noch stärker als bisher in die konkrete Gesetzgebung einmischen und tagespolitisch äußern.Ich denke, dass es immer wieder Anlass geben wird, sich über die Klimapolitik der großen Koalition zu empören. Und ich glaube, dass Fridays for Future immer weiter Zuwachs bekommen wird. Aber andererseits sehe ich auch die Leute, die sich frustriert abwenden oder sich radikalisieren. Die Zeit, die wir haben, ist nun mal knapp. Die Politik muss daher jetzt entgegenwirken.

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