Mehr Teilhabe trotz Krisen-Modus

Warum sich die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung verstärkt hat – und wie wir jetzt mehr Teilhabe erreichen können.

Ein Interview mit Christina Marx, Aktion Mensch
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Christina Marx, Aktion Mensch

Christina Marx ist die Bereichsleiterin Aufklärung und Sprecherin bei Aktion Mensch. Die Diplom-Dolmetscherin und Kommunikations-Beraterin ist verantwortlich für die Information rund um das Thema Inklusion. Sie ist seit 2013 bei der Aktion Mensch. Bis dahin hat sie 20 Jahre lang Kampagnen und Projekte für Behinderten-Organisationen und Ministerien geleitet.

Corona ist das allumfassende Thema. Andere Themen dringen kaum mehr durch? Nervt Sie das nicht manchmal auch?

Natürlich ist Corona das beherrschende Thema. Andere Themen dringen durch, sind aber oft mit Corona verknüpft. Bei der Aktion Mensch haben wir eine Soforthilfe für die Inklusionsunternehmen, Assistenzdienste und die Lebensmittelhilfe aufgelegt. Mit diesen Programmen sind wir in der Öffentlichkeit durchgedrungen.

„Ein großes Thema ist auch das Bereitstellen von barrierefreien Informationen.“

Deutschland ist dabei, die Beschränkungen aufzuheben. Museen sind wieder geöffnet und auch essen gehen ist wieder erlaubt, aber die Maßnahmen in Kitas und Schulen werden nur langsam gelockert. Es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die am lautesten sind, am meisten von den Lockerungen profitieren. Bevorzugt die Demokratie derzeit die Lauten und Starken?

Die Politik hat versucht, ausgewogen zu handeln. Aber die Gruppen, die Sie als die „leiseren Gruppen“ bezeichnen, wie zum Beispiel Menschen mit Behinderung, waren schon vor Corona von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen. Das hat sich jetzt in der Krise manifestiert und hat auch Auswirkungen bei den Lockerungen. Menschen mit Behinderung oder mobilitätseingeschränkte Menschen profitieren eigentlich nicht von den Lockerungen, solange die Barrierefreiheit nicht sichergestellt ist. Ein großes Thema ist auch das Bereitstellen von barrierefreien Informationen. Beispielsweise war es für gehörlose Menschen schwierig, an Informationen über die Pandemie zu kommen, da diese schlichtweg nicht in Gebärdensprache aufbereitet wurden. Auch für Menschen mit einer kognitiven Einschränkung gab es die Informationen nicht in leichter Sprache. Wir als Aktion Mensch versuchen, hier Abhilfe zu schaffen, indem wir auf unserer Corona-Seite ganz viele barrierefreie Informationen bündeln. Dafür haben wir viel Zuspruch bekommen. 

Sie haben gesagt, dass auch schon vor Corona Menschen mit Behinderung weniger in den Medien oder in der Öffentlichkeit vorgekommen sind. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Menschen mit Behinderung stellen keine homogene Gruppe dar, sondern sind sehr heterogen. Entscheidend neben der Art der Behinderung ist ihre persönliche Lebenssituation. Einige leben in Einrichtungen, andere leben sehr selbstständig und selbstbestimmt in eigenen Wohnungen. Es gab partiell Menschen mit Behinderung, die sich lautstark vertreten haben, beispielsweise mit der Initiative „Wir sind’s, die Risikogruppe“. Aber ein Teil der Menschen mit Behinderung kann sich nicht in dieser Form in der Öffentlichkeit vertreten.

Wie ist gerade die Situation im Bildungsbereich? Sie sprachen an, dass da bisher fast gar keine Lockerungen stattgefunden haben?

Die Förderschulen sind noch komplett geschlossen. Das wiegt besonders schwer, da es in diesem Bereich auch keine Home-Schooling-Angebote gibt. Die Regelschulen haben sich bemüht, digital Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu halten. Das findet an den Förderschulen so gar nicht statt. Dazu kommt, dass Kinder mit Behinderung oftmals eine Schulassistenz benötigen, wenn sie an Regelschulen unterrichtet werden. Diese Schulassistenz steht allerding in der Krisenzeit zu Hause meist nicht zur Verfügung. Das belastet die Familien zusätzlich.

Die Home-Schooling-Problematik ist ja schon in Einzel-Fällen in den Medien thematisiert worden, aber der Aspekt von Familien mit Kindern, die eine Behinderung haben, kam gar nicht vor. Warum ist das so?

Dieses Thema wurde von den Mainstream-Themen überdeckt. Dies ist ein gesellschaftliches Problem. Kinder, die ohnehin benachteiligt sind – und darunter fallen auch Kinder, die aus sozial schwachen Familien oder Flüchtlingsfamilien kommen –, fallen meist durch das mediale Raster.

Die Lockerungen gehen ja jetzt erst langsam los. Und man weiß noch nicht, wie sich die Auswirkungen entwickeln? Wird das die Arbeit in der Behindertenhilfe verändern?

Wir als Aktion Mensch haben schon vor Corona versucht, das Thema Digitalisierung in der Behindertenhilfe nach vorne zu bringen. Das bedeutet, mehr Menschen, die in Einrichtungen leben, den Zugang zu digitalen Medien zu ermöglichen. Darüber hinaus wird die Krise sicher den Bereich der persönlichen Assistenz verändern. Hier fielen von heute auf morgen Menschen aufgrund eigener Vorerkrankungen aus, die sonst die Unterstützung von Menschen mit Behinderung übernehmen. Daher haben wir hier ein Sonderprogramm aufgelegt. Vielleicht wird das die Öffnung der Einrichtungen insofern befördern, als mehr Menschen sozialraumnah ihre eigenen vier Wände beziehen können oder in Wohngemeinschaften leben. Aber eine grundlegende Aussage hierzu ist schwierig und noch nicht möglich.

Finden Sie, dass Bund, Länder und Kommunen auf diese Krise für Menschen mit Behinderung gut vorbereitet waren? Was hätte anders laufen sollen?

Bund, Länder und Gemeinden standen vor einer Herausforderung, die so noch nie da gewesen ist. Die Politik hat meines Erachtens sehr gut reagiert und auch entsprechende Maßnahmen getroffen. Diese waren jedoch erst einmal nur für die breite Bevölkerung ausgelegt. Menschen mit Behinderung wurden am Anfang nicht spezifisch mitgedacht. Das zeigt sich auch am Schutzpaket der Bundesregierung, das sich ja erst einmal um die Wirtschaftsunternehmen gekümmert hat und erst auf Intervention der Wohlfahrtspflege die sozialen Dienstleister stärker einbezog. Die soziale Arbeit ist in der Krise eine wichtige Stütze und viele – insbesondere kleinere Träger - waren schlicht von der Insolvenz bedroht. Zudem fühlten sich viele Familien mit Angehörigen mit Behinderung im Stich gelassen, da die Unterstützungssysteme wegbrachen und sie jetzt vor schwierigen und herausfordernden Situationen standen. Hinzu kommt, dass die Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung und die Assistenzdienste nicht bei der Umsetzung der Hygienemaßnahmen und einem Schutzkonzept mitgedacht wurden.

„Von den Lippen abzulesen ist nicht möglich, wenn alle eine Maske tragen.“ 

Wird die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung durch die Krise Ihrer Meinung nach verstärkt?

Das zeigt ganz gut die Diskussion um die Maskenpflicht. Es gibt Menschen, die aufgrund einer Vorerkrankung einer psychischen Erkrankung oder weil sie aufgrund einer Lähmung, die die Atemwege einschränkt, die Maske einfach nicht tragen können. Da gab es schon Fälle, bei denen Menschen mit Behinderung einfach abgeurteilt wurden, ohne das Warum zu hinterfragen. Das ist dann auch eine Form von Diskriminierung. Ein weiteres Beispiel ist die Problematik, vor denen gehörlose Menschen stehen. Von den Lippen abzulesen ist nicht möglich, wenn plötzlich alle eine Maske tragen. Das Thema Ethik spielt natürlich auch eine große Rolle: Die Diskussion um die Triage, also wer es wert ist, an die Beatmungsgeräte zu kommen, und wer nicht. Das wurde in der Behinderten-Szene stark diskutiert.

Was haben wir gelernt aus der Krise, was sollten wir weiter fortführen?

Was wir alle gespürt haben, ist die große Welle der Solidarität. Menschen haben sich ehrenamtlich engagiert, wo es notwendig war. Das sollten wir uns unbedingt erhalten gerade vor dem Hintergrund, dass auch andere Tendenzen in unserer Gesellschaft spürbar sind, die uns spalten, wie beispielsweise Rassismus. Darüber hinaus haben wir gesehen, dass die Digitalisierung für uns Chance und Risiko sein kann. Chance, um mit Menschen in Verbindung zu bleiben. Risiko, weil nicht alle Zugang zu Technologie haben. Das heißt mit Blick auf Menschen mit Behinderung, darauf zu achten, dass die Technik barrierefrei ist. Die schönsten Tools nützen nichts, wenn Menschen mit Behinderung entweder keinen Zugang dazu haben oder sie nicht nutzen können, weil sie nicht barrierefrei sind. Zum Abschluss vielleicht noch ein ganz simples Beispiel: die 1,50 m Abstandsregelung in Restaurants hat dazu geführt, dass Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sich nun sehr komfortabel in einem Restaurant bewegen können.

Ein Blick in die Glaskugel: Wird sich die Behindertenpolitik durch Corona verändern?

Sorge macht mir, dass die Behindertenpolitik jetzt in Zeiten von großen Konjunkturpaketen nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit erhält. Wir werden die Folgen der Krise noch deutlich zu spüren bekommen. Die Arbeitslosigkeit wird uns alle treffen, aber Menschen mit Behinderung dann noch mal in besonderer Weise, weil sie ohnehin stärker betroffen sind.

Was nehmen Sie sich als Organisation vor? Verändert Corona Ihr Programm?

Viele Projekte sind natürlich gerade nicht durchführbar und wir müssen umsteuern. Wir versuchen, viele Themen ins Netz zu bringen und die persönliche Begegnung durch eine digitale Begegnung ein Stück zu ersetzen. Die Krise hat unser Programm dahingehend auch verändert, dass wir schnelle Hilfen leisten mussten. Das ist uns gelungen mit unserer Corona-Sofortförderung. Da haben wir 40 Millionen Euro sofort zur Verfügung gestellt, zum Beispiel zur Rettung von Tafeln in der Lebensmittelförderung, zur Unterstützung bei persönlicher Assistenz, aber auch zur Unterstützung von Inklusionsbetrieben, damit die Arbeitsplätze für die Menschen mit Behinderung erhalten werden konnten.

 

Von Irmgard Nolte, 18. Juni 2020

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