Schlau durch die Krise

Warum Kinder mehr als nur ein Tablet brauchen. Über Bildungsgerechtigkeit in Zeiten von Corona.

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Universität Osnabrück
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Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Universität Osnabrück

Aladin El-Mafaalani ist seit Juli 2019 Professor für Erziehungswissenschaft und Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. Zudem betreut er als Beauftragter des NRW Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration die „Koordinierungsstelle für muslimisches Engagement in NRW“. Im Februar 2020 erschien sein aktuelles Buch „Mythos Bildung“.

Corona ist das allumfassende Thema. Andere Themen dringen kaum mehr durch? Nervt Sie das nicht manchmal auch?

Natürlich nervt das schon manchmal, aber die Auswirkungen der Krise werden uns bestimmt noch das nächste Jahrzehnt beschäftigen. Darauf sollten wir uns einstellen.

Deutschland ist dabei, die Beschränkungen aufzuheben. Doch die Lockerungen, die jetzt greifen, betreffen unterschiedliche Gruppen. Die Maßnahmen in Kitas und Schulen zum Beispiel werden nur langsam gelockert. Profitieren diejenigen, die am lautesten sind, am meisten von den Lockerungen?

Es ist richtig, dass wir bisher für die Bedürfnisse der Kinder keinen umfassenden Blick hatten. Die wirtschaftlichen Aspekte standen sehr lange im Zentrum. Es wurde zu wenig gefragt, wie es um die gesundheitlichen Folgen für Kinder und ältere Menschen steht. Ich kann nicht nachvollziehen, warum in Kitas und Schulen nur ein Minimal-Betrieb laufen darf. Dass Kinder bis zu den Sommerferien nur einige Male in die Schule gehen dürfen, halte ich für problematisch. Es scheint, dass sich im Kinder- und Jugendbereich – im Gegensatz zum Beispiel zur Bundesliga – niemand von Beginn an strategisch Gedanken gemacht hat, wie mit der Krisen-Situation und seinen Auswirklungen umgegangen werden sollte. Man hätte viel umfassendere Planungsszenarien durchspielen und viel mehr Gespräche mit beteiligten Akteuren führen müssen, wie zum Beispiel mit Schulleitungen, Kommunalvertretungen, aber auch mit den Verkehrsbetrieben. Das ist so nie passiert.

Es ist insgesamt sehr traurig zu sehen, welche Position Kinder in der Krise haben.

Finnland hat zu Beginn der Krise eine Ansprache direkt an die Kinder gehalten: Warum passiert so etwas nicht in Deutschland?

Grundsätzlich haben wir in Deutschland keine Tradition von direkten Ansprachen an die Bevölkerung. Angela Merkel hat sich in 15 Jahren Amtszeit nun erstmals direkt an die Bevölkerung gewandt. Aber ja, solche Ansprachen sind total positiv zu sehen, weil man viel direkter an die gemeinsame Verantwortung appellieren kann. Es ist insgesamt sehr traurig zu sehen, welche Position Kinder in der Krise haben. Sie wurden bisher sehr stark als Objekte wahrgenommen. Entweder ging es darum, dass ihre Betreuung sichergestellt werden muss, weil die Mütter und Väter arbeiten müssen, oder sie wurden als „Viren-Schleuder“ angesehen. Diesen Objekt-Status erkennt man auch gut daran, dass man ihnen scheinbar komplett abspricht, sich an bestimmte Regeln halten zu können. Ich bin mir sehr sicher, dass Grundschüler sehr gut vorab besprochene Regeln – mit einer gewissen Eingewöhnungszeit – umsetzen können.

Was ist problematisch an der jetzigen Situation?

Wenn wir davon ausgehen, dass dieser Modus jetzt noch monatelang so anhält, dann sind die Probleme vielfältig. Etwa gesundheitliche Einschränkungen durch weniger Bewegung, fehlende motorische Entwicklung und Kompetenzdefizite.

Beim Thema Bildung stehen die Bundesländer vor großen Herausforderungen. Viele befürchten, dass die aktuelle Situation die Effekte der sozialen Ungleichheit noch verschärft. Warum ist das so?

Bei Kindern gibt es bereits bei der Einschulung Unterschiede. Obwohl das Potenzial bei Geburt über die sozialen Klassen relativ gleichverteilt ist, entwickeln sich während des Aufwachsens sehr unterschiedliche Kompetenzen. Und das hat in erster Linie nichts mit dem Unterricht zu tun. Der ist ja erstmal für alle Kinder gleich. Aber der Zugang zum Erlernen eines Instruments, die Möglichkeit, in einem Sportverein systematisch eine Sportart zu trainieren oder Kunst- und Kulturangebote wahrzunehmen, unterscheidet die Kinder. Denn das treiben die Eltern voran – oder auch nicht. Wenn man also systematisch die Ungleichheit ausgleichen möchte, und das müsste jetzt mehr denn je stattfinden, dann gehört dringend dazu, Kindern aus milieuschwachen Familien Zugang zu diesen Angeboten zu verschaffen. Verschiedene Studien haben gezeigt, welche negative Rolle schon die Länge von regulären Sommerferien bei benachteiligten Kindern spielt. Wenn sechs Wochen ohne Unterricht schon einen messbaren Effekt haben, kann man sich denken, welchen Effekt sechs Monate hätten.

Was braucht es jetzt ganz konkret, damit die Bildungsungerechtigkeit durch die Krise nicht noch stärker zunimmt? Was sollten Bund, Länder und Kommunen tun?

Es braucht eine strategische Planung unter Einbezug aller Beteiligten. Das ist nicht leicht, da man natürlich sehr viele Aspekte, wie zum Beispiel die eingeschränkte Personaldecke, die Gebäudesituation, die Anfahrt mitdenken muss. Es wäre wirklich wichtig, sich jetzt nicht darauf auszuruhen, dass jedes Kind diese paar Mal bis zu den Sommerferien in die Schule geht. So braucht es auch für die Sommerferien ganz konkrete Angebote, die von Kinder- und Bildungsministerien unterstützt werden. Das müssen bzw. sollten keine Angebote im Bereich des klassischen Lernens sein, sondern Lernen im weitesten Sinne, wie Tage im Wald, Kunst- und Sportangebote. Und wirklich wichtig ist, dass für den Beginn des neuen Schuljahres ein Plan steht und jedes Kind an jedem Tag zur Schule gehen kann. Es wäre nicht schlimm, wenn das nicht im vollen Stundenumfang wie bisher läuft, aber jedes Kind sollte jeden Tag in seiner Kompetenzentwicklung gesehen werden.

"Wir brauchen multiprofessionale Teams in Kitas und Schulen"

Ein Blick in die Glaskugel: Wird sich die Bildungslandschaft durch Corona verändern?
Das ist schwer einzuschätzen, weil diese Krise eigentlich wenig mit Schulpolitik zu tun hat, sondern mit gesamtgesellschaftlichen Prozessen. Alle werden jetzt sagen, wir müssen die Schulen schnell digitalisieren. Ich finde das riskant. Die Probleme sind nicht gelöst, indem jedes Kind ein Tablet erhält. Wir müssen uns strategisch viel mehr Gedanken machen, was wirklich, gute, kluge, lernförderliche Tools für das digitale Lernen sind. Und diese müssten getestet werden. Erst dann sollte man damit in die Offensive gehen. Denn die Potenziale der Digitalisierung sind groß, aber auch die Risiken. Jetzt Dinge auf die Schnelle umzusetzen, ist meines Erachtens nicht nachhaltig. Wahrscheinlich werden wir uns noch das ganze nächste Schuljahr im Krisen-Modus befinden. Aber ich hoffe sehr, dass danach wieder im Mittelpunkt steht, wie wir die grundsätzlichen Unterschiede von Kindern angehen können. Und dazu gehört, allen Kindern den Zugang zu Kultur, Sport und Kunst, also allem, was unsere Gesellschaft bietet, zu ermöglichen. Das muss ganz verstärkt in Kitas und Grundschulen passieren. Wir brauchen dafür multiprofessionale Teams, die in Kitas nicht nur aus Erzieher:innen bzw. in Schulen nicht nur aus Lehrkräften bestehen, sondern auch aus Personen mit anderen Professionen.

 

Von Irmgard Nolte, 15. Juni 2020

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