Stadt in der Krise: Mehr Zeit, weniger Raum?

Wie städtisches Leben kurzfristig in Krisenzeiten gedacht werden muss – und was von Corona bleibt.

Prof. Dr. Caroline Kramer und Prof. Dr. Dietrich Henckel
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Prof. Dr. Caroline Kramer und Prof. Dr. Dietrich Henckel

Prof. Dr. Dietrich Henckel, war von 2004 bis 2017 Professor für Stadt- und Regionalökonomie am Institut für Stadt- und Regionalplanung, an der TU Berlin. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Prof. Dr. Caroline Kramer ist Professorin für Humangeographie am Karlsruher Institut für Technologie. Sie war Mitglied im Leitungsteam des Arbeitskreises „Zeitgerechte Stadt“ der Akademie für Raumforschung und Landesplanung und erarbeitete Konzepte und Perspektiven für die Planungspraxis.

Herr Prof. Henckel, eine zeitgerechte Stadt muss viele Interessen berücksichtigen. In diesen Zeiten steht das Schutzbedürfnis der Menschen im Vordergrund. Das bringt ganze Städte zum Erliegen. Was macht das mit den Menschen?

Henckel: Dafür gibt es noch keine gesicherten Daten. Die Auswirkungen der Pandemie sind extrem ungleich verteilt – räumlich, funktional und sozial. Sowohl hochqualifizierte Menschen mit hohem Einkommen sind negativ betroffen als auch Menschen mit niedrigen Einkommen. Es hat außerdem nur den Anschein, dass mit dem Lockdown alles stillstand, weil es leiser geworden ist. Aber die Städte standen ja nicht still, der öffentliche Nahverkehr ist weitergefahren, die Müllabfuhr auch. Und vor allem alles, was den Namen systemrelevant bekommen hat, lief in erhöhter Geschwindigkeit weiter – in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder im Einzelhandel ist das unter extremem Beschleunigungsdruck erfolgt.

Dieses Gefühl, mehr Zeit zu haben, hat sich schnell verflüchtigt, weil man sich auf einen anderen Alltag umstellen musste. … Schule, Beruf, Einkaufen – die Aufgaben blieben, aber die Räume waren uns plötzlich verwehrt.

Der Faktor Zeit ist eine der wichtigsten Ressourcen unseres Alltags. Zeit, meint man zumindest, gibt es jetzt oft im Überfluss.Viele Leute sagen aber auch, sie hätten gar nicht mehr Zeit als vorher.

Henckel: Für viele Menschen war das Home Office eine rasante Umstellung. Die technischen Voraussetzungen waren vielfach nicht geschaffen, zum Beispiel für Lehrkräfte. Jetzt müssen sie alles im Schnelldurchlauf aufholen. Sie haben keine Erfahrungen mit Home Schooling, und das führt zu den unangenehmen Begleiterscheinungen, die Eltern beklagen.

Kramer: Meiner Meinung nach hat sowieso jeder immer gleich viel Zeit. Die Frage ist, wie sie gestaltet und genutzt wird. Ich denke, dieses Gefühl, mehr Zeit zu haben, hat sich schnell verflüchtigt, weil man sich auf einen anderen Alltag umstellen musste. Ob Erwerbstätige oder Kinder, Schüler, Studierende: Unser Alltag war sehr stark strukturiert. Nicht nur, was die Zeiten angeht, sondern auch die Räume, in denen etwas stattfindet. Schule, Beruf, Einkaufen – die Aufgaben blieben, aber die Räume waren uns plötzlich verwehrt, was für Irritation gesorgt hat. Und plötzlich hatten wir von unserem Alltag die Zeit übrig, die wir üblicherweise in diese fest organsierten Rahmenbedingungen einpassen müssen. Man hat mehr Zeitautonomie, muss aber auch lernen, damit umzugehen, zum Beispiel die Strukturen im Home Office beizubehalten. Man war plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen, auf die Bedürfnisse der Kinder, die nicht mehr betreut wurden. Dazu waren alle Sozialkontakte weg, Großeltern, die die Kinder betreuen, persönliche Kontakte, Singles waren ganz allein, Paare auf sich gestellt. Und wir hatten wieder räumliche Grenzen.

Wenn Pop-up-Radwege bleiben, wäre das eine rasante Umbewertung der Räume und der Verteilung von Raum in der Stadt, eine echte Umverteilung – auch von Zeiten. Denn dann werden in Zukunft die Radfahrer begünstigt und die Autofahrer verlangsamt. 

In Zeiten von Corona ist auch das öffentliche Leben in den Städten weitgehend zum Erliegen kommen. Orte, wie Museen, Bäder, Bibliotheken oder Musikschulen werden für den Publikumsverkehr erst langsam geöffnet. Was heißt das für die Stadtplanung?

Henckel: Ich bin skeptisch, ob das die Planung beeinflussen wird. Planung ist ja etwas sehr Langfristiges. Und die Maßnahmenträger waren ja nicht die Kommunen und schon gar nicht die Stadtplanungsämter, sondern eher die Gesundheitsämter. Die Krise könnte aber die Städte verändern. Jetzt gibt es Pop-up-Radwege. Die Frage ist, ob sie bleiben oder nur in dieser Zeit sinnvoll sind. Wenn sie bleiben, wäre das eine ziemlich rasante Umbewertung der Räume und der Verteilung von Raum in der Stadt, eine echte Umverteilung – auch von Zeiten. Denn dann werden in Zukunft die Radfahrer begünstigt und die Autofahrer verlangsamt. Für mich ist aber völlig offen, wie sich das entwickelt. Und die Frage ist auch, ob viele Leute dauerhaft auf Autos umgestiegen sind, weil sie Angst haben, sich im öffentlichen Nahverkehr zu bewegen.

Durch die „Schließung“ des öffentlichen Raumes, die ja zum Beispiel in Frankreich viel weitreichender war, wurden die Menschen auf ihren Wohnraum begrenzt. Welche Konsequenzen hat das auf die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen?

Kramer: Diejenigen mit vielen Ressourcen, vor allem finanziellen Ressourcen, können das besser kompensieren. Sie wohnen in größeren Wohnungen, haben eine Terrasse, ein Haus mit Garten. Leute mit geringeren Ressourcen müssen mit Bewältigungs-Strategien für Ersatz sorgen. Menschen mit höherer Bildung können ihren Kindern beim Home Schooling helfen, andere haben nicht mal einen Drucker, um die Hausaufgaben auszudrucken. Ich glaube, hier wird eine Kluft entstehen zwischen Menschen, die medienaffin sind, und Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Computer zu bedienen. Es gibt nun mal eine digitale Kluft und die betrifft auch jüngere Menschen, nicht nur ältere. Wer ein Handy halbwegs bedienen kann, ist noch lange nicht in der digitalen Welt unterwegs. Alle mit wenigen Ressourcen oder Berufen, die kein Auffangnetz wie im öffentlichen Dienst haben, Künstler, Selbständige, kämpfen in dieser Coronazeit um ihre Existenz, um ihr nacktes Überleben. Der Unterschied zwischen gesicherten und nicht gesicherten Existenzen schafft eine Ungleichheit existenzieller Art.

Stadtplanung passiert – wie Sie sagen – längerfristig. Wie muss denn kurzfristig in Krisenzeiten städtisches Leben gedacht werden?

Henckel: Die Krise zeigt, dass wir Risiken ausgesetzt sind, die wir nicht geahnt haben, obwohl solche Pandemienszenarien schon länger bekannt waren. Die Pandemievorbereitung wird zukünftig eine größere Rolle spielen, auch im Gesundheitssystem. Ich bin aber sehr skeptisch, ob in der Planung des öffentlichen Raums viel passiert. Schwierig ist, dass man überhaupt nicht weiß, wie lange das noch geht und welche Folgen noch auftreten. Es ist ein Fahren auf Sicht, ein Stochern im Nebel.

Kramer: Wir haben überhaupt keine Blaupause für das, was gerade passiert, und null Erfahrungswerte, wie man mit so etwas umgeht. Für mich ist die Hauptfrage, was bleibt und was sich bewährt hat. Die Turbodigitalisierung, digitale Konferenzen, digitale Lehre, davon wird sicher etwas bleiben. Umgekehrt kann es sein, dass wir die persönliche Begegnung stärker wertschätzen. Denn bei digitalen Meetings fehlen die Tür-und-Angel-Gespräche unter vier Augen, wo es auch um heikle, kritische Sachen geht. Denn bei Video-Konferenzen sind immer alle dabei. Bei Sitzungen, Kongressen und auf Tagungen machen die Tür-und-Angel-Gespräche bestimmt 80 Prozent der Attraktivität aus, Vorträge nur die restlichen 20 Prozent. Auch Studien bestätigen, dass Face to face-Kontakte bei besonders wichtigen Entscheidungen überhaupt nicht wegzudenken sind. Zur Kommunikation gehört mehr als das, was wir jetzt gerade per Audio oder Video haben.

Nochmals zu den Lösungsansätzen. Welche Bereiche müssen sich nach der Krise bewegen?

Kramer: Für mich muss sich unser Gesundheitswesen, das auf gewinnorientierte Maßnahmen und Operationen orientiert ist, bewegen. Und auch im Rahmen Kinderbetreuung und Schule muss sich schnell viel bewegen.

Zum Schluss mal weg vom Thema Corona. Viele Menschen leben derzeit allein. Einsamkeit macht sich breit. Andere Wohnkonzepte wie etwa alternative Genossenschaftsprojekte können hier Abhilfe schaffen. Werden solche Projekte mehr Akzeptanz bekommen?

Kramer: Im weiteren Sinne geht es ja um Nachbarschaft und soziales Zusammenleben im Quartier, wer für wen einkauft, wer wen versorgt, der in Quarantäne ist, zu den Risikogruppen gehört und nicht vor die Tür darf. Das klappt in Nachbarschaften gut, die schon länger miteinander leben, egal in welchem Format, ob es das gemeinschaftliche Bauprojekt ist, Mehrfamilienhäuser, wo man sich kennt, oder die Nachbarschaft, in der man sich schon immer ausgeholfen hat. Vielleicht auch digitale Unterstützung wie nebenan.de. Diese Mischung aus virtuellem Netzwerk, das sich gerade aufbaut und auf eine reale Nachbarschaft bezieht, kann klug sein, gerade in sehr dicht bebauten Quartieren.

Henckel: Oder lokal.de, wo man Gutscheine kaufen kann für kleine Einzelhändler oder Cafés.

Wir Menschen können im Moment unseren Raum in der Stadt kaum ergreifen. Bekommen die Menschen jetzt einen anderen Blick auf ihre Stadt?

Kramer: Von mir selbst kann ich sagen: Alleine die Wahrnehmung verändert sich, wie offen die Plätze sind, wie leise es ist, wenn die Autos nicht toben, wie blau der Himmel ist ohne weiße Kondensstreifen. Es gibt Momente, in denen ich die Stadt mit neuen Augen sehe. Gleichzeitig schwingt mit, dass die Stadt nicht lebendig ist. Sie ist nur so, weil wir alle eingeschränkt sind.

Henckel: Es gibt ja die These, dass wir aus der Krise mit positiven Entwicklungen hervorgehen, ruhiger, mit mehr Fahrradverkehr. Ich bin relativ skeptisch, ob das tatsächlich passiert. Gesellschaft ist sehr träge und es dauert sehr lange, bis sich gravierend etwas ändert. Je mehr wir zum Normalzustand zurückkommen, desto weniger positive Visionen, die manche gerade formulieren, werden bleiben und umgesetzt.

 

Von Silke Stamp, 18. Juni 2020

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