Das war der SocialSummit 2018

Donnerstag

Was ist Wahrheit? Und wer bestimmt, was wahr ist? Diese Frage wurde kontrovers diskutiert am ersten Abend des SocialSummit. Rund 80 Gäste kamen zusammen, um mit und auf dem Podium zu diskutieren. Einig waren sich Thomas Fischer, Annette Behnken, Marianne Birthler und Wolfram Eilenberger vor allem darin, dass es keinen eindeutigen Begriff von Wahrheit gibt.

Social Summit

Es gibt ein großes Misstrauen gegen Institutionen. Wir müssen schauen, was die, die so großes Misstrauen haben, für einen Wahrheitsbegriff haben. Der Begriff Wahrheit wird oft wie ein Werkzeug verwendet, mit dem ich mir eine Orientierungsschneise in den Dschungel meiner Weltwahrnehmung schlagen will. Er ist so abstrakt, dass er leicht missbraucht werden kann. Ich würde das Wort Wahrheit manchmal am liebsten abschaffen. Für mich geht es vielmehr um Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist zuerst nach innen gerichtet, eine Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber, die dann nach außen ins Handeln geht.

Annette Behnken
Pastorin
Social Summit

Wahrheit ist nicht ein Ding, sondern eine Bewertung zwischen Menschen. Nichts außerhalb unserer psychischen, neuronalen und biologischen Begrenztheit ist ‚wahr’, denn Wahrheit ist ein Begriff, der außerhalb menschlicher Kommunikation keine Rolle spielt. Menschen kommunizieren miteinander, nicht weil sie einen „Gesellschaftsvertrag“ geschlossen haben, sondern weil sie soziale Wesen sind. Wahrheit wird durch Vertrauen in soziale Institutionen vermittelt, die für die Symbolisierung von Wahrheit als zuständig und legitimiert angesehen werden. Wirtschaftliche und kulturelle Modernisierung haben die alten Wahrheits-Institutionen geschwächt; die dramatische Neustrukturierung der Kommunikation führt zu einer irrationalen Fokussierung auf das individuelle ‚Gefühl’.

Prof. Dr. Thomas Fischer
Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof a.D.
Social Summit

Unser Problem mit der Wahrheit ist, dass sie so schmerzhaft ist, dass wir uns nicht eingestehen können, dass sie die Wahrheit ist. Das Problem der Wahrheit ist häufig nicht, dass wir sie nicht kennen, sondern, dass wir sie nicht anerkennen wollen. Wer aber etwas als wahr anerkennt, hat das Bedürfnis, es mit anderen zu teilen. Die Wahrheit stiftet Gemeinschaft. Wenn wir heute von einer Krise der Wahrheit sprechen, sprechen wir eigentlich von einer Krise des Vertrauens in die Institutionen, die in unserer Gesellschaft die Aufgabe und Methoden haben, Wahrheit festzulegen.

Wolfram Eilenberger
Philosoph und Publizist
Social Summit

Sprache kann Unwahrheit transportieren, ohne dass direkt gelogen wird. Daher muss die Verwendung von Begriffen immer wieder hinterfragt werden, im Gespräch wie auch im medialen Diskurs. Denn Wahrheit bedeutet, nach bestem Wissen und Gewissen Sachverhalte so zu beschreiben, dass sie den Realitäten so nahe wie möglich kommen. Wer meint, jeder Mensch habe seine eigene Wahrheit, legitimiert damit möglicherweise auch Lügen. Wahrheit benötigt gemeinsame Wertungen oder eine kollektive Übereinkunft, deren Geltung allgemein anerkannt ist. Die Suche nach Wahrheit ist eine ständige Herausforderung.

Marianne Birthler
Politikerin und ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR

Freitag

Wenn die Suche nach der Wahrheit, der kritische Blick darauf, warum etwas so ist, wie es ist, und ob etwas so ist, wie es erscheint, die Perspektive ist, mit der wir zu einer gesellschaftlichen Verständigung kommen, dann stellt sich die Frage: Wie können wir diesen kritischen Wahrheitsanspruch vermitteln? Wie können die Medien diesem Anspruch gerecht werden? Diesen Fragen stellten sich am Freitag in der ersten Diskussionsrunde Bascha Mika, Peter Bialobrzeszi, Julia Krittian und Benjamin Piel.

Social Summit

Das Zusammenspiel von Politik und Medien wirkt häufig rituell. Offenkundig geht es Journalisten teilweise nur darum, ein bestimmtes Zitat aus dem Interviewten heraus zu kitzeln. Wenn sich Berichterstattung derart ritualisiert, wird sie für mich weniger glaubhaft. Für Journalisten ist die große Aufgabe der Zukunft, sich selbst und die eigenen eingespielten Rituale im Rahmen der Berichterstattung zu hinterfragen.

Prof. Peter Bialobrzeski
Fotograf und Professor an der Hochschule der Künste Bremen
Social Summit

Als Tagesschau-Journalistin habe ich den Anspruch, neutral zu berichten. Fast noch wichtiger aber ist es, zu erklären, warum worüber berichtet wird. Um Vertrauen zu erhalten, müssen Medien stärker erklären, aus welchem Grund welche Nachrichten aufbereitet und gesendet werden. Sorgfältige Recherche und das Überprüfen von Informationen und Quellen müssen immer wichtiger sein als die schnelle Schlagzeile.

Julia Krittian
TV-Korrespondentin beim ARD Hauptstadtstudio
Social Summit

Um sich der Wahrheit zu nähern, müssen Journalisten mit den Menschen sprechen, anstatt immer nur über sie zu reden. Dies gilt insbesondere für das Thema Flüchtlinge. Wenn Journalisten Präsenz zeigen und sich mit den Menschen austauschen, sich ihnen nähern und Einblicke bekommen, dann schafft das Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit journalistischer Arbeit. Wo zu stark an der Personalschraube gedreht wird, haben Medien nicht die Chance, sich zufriedenstellend der Wahrheit anzunähern, denn Journalismus und gute Recherche benötigen Zeit und damit Geld.

Benjamin Piel
Chefredakteur Mindener Tageblatt
Social Summit

Cross-Border-Recherchen, bei denen Journalisten aus mehreren Ländern mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammenarbeiten, werden immer wichtiger. Denn viele Probleme machen an Grenzzäunen nicht halt. Die Recherche-Kooperationen helfen dabei, den Blick auf solche Probleme zu richten.

Im redaktionellen Alltag ist die Zeit für Recherche oft knapp. Man kann aber schon mit kleinen Tricks und Kniffen die Struktur und die Ergebnisse der eigenen Recherchen verbessern. Wie das geht, vermitteln wir in Workshops, zum Beispiel bei der Jahreskonferenz unseres Vereins.

Thomas Schnedler
Netzwerk Recherche
Social Summit

Wir geben mit „so geht Medien“, Lehrkräften das Werkzeug an die Hand, um Jugendliche fit zu machen für die digitale Medienwelt. Sie sollen sich zurechtzufinden in der unübersichtlichen Nachrichtenflut von heute und unterscheiden lernen zwischen seriöser Information und manipulativen Fake News. Damit legen wir eine Grundlage dafür, dass sie sich eine Meinung bilden und mündige Bürger werden. „so geht Medien“ zeigt, wie unabhängiger und unparteiischer Journalismus aussieht, auf den die Menschen sich verlassen können.

Karl Teofilovic
so geht MEDIEN
Social Summit

Wissenschaft hat eine Bringschuld der Öffentlichkeit gegenüber. Sie muss erklären, warum sie Dinge erforscht und muss beispielsweise auch erklären, wofür Grundlagenforschung nötig ist. Der Wissenschaft geht es dabei nicht um absolute Wahrheiten. Jede Erkenntnis ist vorläufig. Sie gilt solange, bis es neue Erkenntnisse gibt. Wichtig ist, dass andere nachvollziehen können, warum und wie ich zu meinen Ergebnissen komme.

Claus Martin
March for Science Germany
Social Summit

Verschwörungstheorien liefern den Menschen bequeme Antworten. Sie erklären den Menschen, die an sie glauben, die Welt, nehmen ihnen die Sorgen und bestärken sie in ihren Empfindungen. Um sie davon loszubekommen, müssen wir sie mit ihren Sorgen und Ängsten ernst nehmen. Unsere Arbeit ist es, ideologischen Missbrauch in Form von Verschwörungstheorien aufzuklären. Das können wir nur mit Hilfe von Respekt und Verständnis.

Giulia Silberberger
Der goldene Aluhut

Highlights

2018

Was ist Wahrheit? Und wer bestimmt, was wahr ist? Rund 80 Gäste kamen zusammen, um mit und auf dem Podium zu diskutieren. Das war der SocialSummit 2018:

Fragen neu denken.

DIE IDEE HINTER DEM SOCIALSUMMIT

Neue Impulse und innovative Strömungen – auf dem SocialSummit dreht sich alles um die Chancen des gesellschaftlichen Wandels. Zwei Tage diskutieren Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen gesellschaftspolitische Themen. Der SocialSummit bringt interessante Menschen und Themen zusammen – in Diskussionen während der Veranstaltung und beim Dinner mit einem Glas Wein.

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